Kultur : Tot sind nur die, die schweigen

„Cinema Africa“: Ein Festival in Berlin zeigt junges Kino aus Schwarzafrika

Stefanie Müller-Frank

In jeder Geschichte gibt es einen Verrückten, aber die Verrückten haben keine Geschichte. Das macht sie zu wahren Geschichtenerzählern. Kerfa ist so einer: Spottlustig zieht er über die Dörfer, verhöhnt den König und lässt sich den Mund nicht verbieten. „Soll man mich doch aus dem Weg schaffen“, erklärt er jedem, der ihm droht, „tot sind nur die, die schweigen.“ Kein Wunder, dass Sia ihn beim Wort nimmt: Sie wehrt sich dagegen, dem Schlangengott geopfert zu werden und leitet so den Sturz des Herrschers ein. Prachtvolle Bilder aus einer mythischen Vergangenheit zeigt „Sia, le rêve du python“, nach einem westafrikanischen Legendenstoff aus dem 13. Jahrhundert: Dani Koyuaté aus Burkina Faso erzählt seinen Film als zeitlose Fabel über Machtmissbrauch. Zeitlos? In der letzten Einstellung zoomt die Kamera plötzlich in die Gegenwart, und die gealterte Sia schreit ihre Wahrheit in den Verkehrslärm der Hauptstadt Ouagadougou hinaus. Sie hat die Nachfolge Kerfas, des Verrückten, angetreten.

„Wir wollten vor allem eine Geschichte erzählen, die etwas bewirkt und etwas über die heutigen Zustände aussagt“, sagt Dani Koyuaté. Und stützt sich dabei auch auf die eigene Prägung. Der 1961 geborene Filmemacher stammt aus einer Familie von Griots: Diese Sänger, Schauspieler und Geschichtenerzähler überlieferten das Wissen von Generation zu Generation. Koyuaté aber will die Geschichten seiner Vorfahren auf neue Weise weitergeben: „Heute hat der Griot keinen Platz mehr. Jetzt steht in den Dörfern, dort, wo er saß, ein Fernseher. Der Griot muss also in den Fernseher rein.“

Die Ergebnisse dieses Prozesses lassen sich in den kommenden zwei Wochen beim Filmfestival „Cinema Africa“ entdecken. Bis zum 15. Dezember zeigt das Berliner Haus der Kulturen der Welt in einer Filmreihe die ästhetisch und thematisch anregendsten schwarzafrikanischen Produktionen der letzten drei Jahre, insgesamt rund 30 Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme. Viele von ihnen sind Preisträger des 17. Fespaco: Das bedeutendste Filmfestival Afrikas findet alle zwei Jahre in der Hauptstadt Burkina Fasos statt. Bei ihrer Auswahl für „Cinema Africa“ haben sich die Kuratorinnen Petra Wagner und Doris Hegner auf Produktionen konzentriert, die ihre Herkunft zum Thema machen. „Es sind Ansätze erkennbar, die gezielt mit afrikanischen Identitäten spielen“, sagt Doris Hegner, „und darüber wollen wir mit den Filmemachern diskutieren.“

Als europäischer Zuschauer mag man über den didaktischen Duktus so einiger Filme schmunzeln, aber die westafrikanischen Produktionen orientieren sich ausdrücklich an der oralen Tradition der Griots. Ein herausragendes Beispiel für solch wunderbar sanften und langsamen Erzählfluss ist der Spielfilm „Le prix du pardon“ des Senegalesen Mansour Sora Wade. In farbenprächtigen Bildern zeigt er eine archaische Geschichte von Verbrechen und Vergebung.

Ganz anders die südafrikanischen Produktionen: Es wird nicht nur in urbaneren Kontexten und realistischer erzählt, auch die Stoffe speisen sich aus der Gegenwart: Die Filmemacher beschäftigen sich mit schwarzer Gewalt, dem Leben in den Townships, mit Aids, mit dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Sexualität. Mit dem Ziel, die Bevölkerung über die Gefahren von HIV aufzuklären, entstand vergangenes Jahr die Reihe „Steps into the Future“; zwei ihrer Filme sind auf dem Festival zu sehen.

In den letzen Jahren wurden in Südafrika mehrere staatliche Projekte zugunsten des Films gegründet – darunter auch „Close Encounters“, eine Werkstatt für angehende Dokumentarfilm-Regisseure. Dennoch sieht Mbye Cham, Co-Kurator des Berliner Festivals, die schwarzen Filmemacher noch immer eingeschränkt durch offizielle Auflagen. Auch der südafrikanische Regisseur Oliver Schmitz kritisiert die ignorante Haltung südafrikanischer Verleiher: „Hollywood hat die Kinos fest im Griff. Die südafrikanischen Produktionen werden oft sogar dann nicht gezeigt, wenn sie in Europa mit Erfolg laufen.“

Sein jüngster Film „Hijack Stories“ fragt nach Identitätsentwürfen junger Schwarzer im heutigen Südafrika. Mit viel Action, aber auch ironischer Distanz, verfolgt er, wie der Schauspieler Sox für eine Rolle als Gangster in einer TV-Serie in den Townships von Soweto Erfahrungen sammeln will. Voller Klischees über das dortige Leben trifft er auf seinen Schulfreund Zama, der dem verweichlichten Sox zeigt, wo es langgeht: Autos klauen, Überfälle, Verfolgungsrennen, Schießereien mit der Polizei. Das Tempo, die Mutproben und die pulsierende Musik machen aus dem Film einen mitreißenden Videoclip. Dabei verherrlicht Schmitz die Brutalität nicht, stempelt aber die jungen Schwarzen ebenso wenig als Kriminelle ab. Es gelingt ihm, aufzurütteln ohne aufzuklären und dabei genau die Waage zu halten zwischen Realität und Fiktion. Ob es Sox am Ende in den Gangsterfilm schafft oder nicht: Sein Ehrgeiz, herauszufinden, woher er kommt, hat den Filmproduzenten beeindruckt. Er hätte das Zeug zu einem südafrikanischen Griot.

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