Kultur : Tote mögen keine Fliegen Furios: Johan Simons und „Richard III“ im HAU

Peter Laudenbach

Wir sind im Museum. An der Wand ein Gemälde wie ein Faustschlag: „Der Kindermord von Bethlehem“. Das Massaker als Museumsstück, der Mord an Säuglingen als logisches Mittel der Politik – das passt zu Shakespeares „Richard III“. Vor dem Gemälde döst ein Wärter. Beiläufig stellt er das Personal der Tragödie vor, Mörder, Könige, Witwen und Kronprinzen, lauter alte Bekannte, Museumsbewohner, die hier noch einmal eine alte Geschichte spielen. Johan Simons, Kopf der legendären Gruppe ZT Hollandia und derzeit einer der aufregendsten Regisseure des europäischen Theaters, befreit das Stück vom blutrünstigen Schockappeal und der Dämonisierung Richards, einem der großem Killer der Theatergeschichte. Simons Inszenierung, jetzt als Gastspiel im Berliner HAU, zeigt Richard als kühlen Profi der Politik, gefährlich aus Kalkül, nicht besser als seine Konkurrenten. Nur konsequenter.

Fedja van Huet spielt ihn mit stoischer Härte – und zeigt keinen von der Macht Berauschten, keinen erotischen Verführer des Bösen wie Gert Voss einst bei Peymann. Stattdessen: ein Psychopath der Politik, der mit seinem Selbsthass die ganze Welt mit sich in den Abgrund reißen will. Genuss aus dem Morden, das ihn auf den Thron bringt, zieht nicht er, sondern sein lässiger Gehilfe mit Mafia-Manieren (Frank Lammers). Die erste Begegnung der brothers in crime: misstrauisch. Und dann bespucken sie einander mit Tomatensaft, mit Blut, mit Schuld. Eine Selbstbeschmutzung, die Richards Selbstzerstörung vorwegnimmt.

Und immer sind da diese Fliegen, die um Richard kreisen. Als wäre er kein erfolgreicher Killer auf dem Weg zur Macht, sondern schon jetzt ein Stück Aas. Wie in Simons großer Inszenierung über die Verbrechen der Krupp-Dynastie („Fall der Götter“) verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern, Opfern, Getriebenen, Mächtigen.

Schon der erste Auftritt, ein beklemmender Monolog von Richards Mutter, nimmt dieses Ineinander von Schuld und Unschuld gespenstisch vorweg: „Es war ein Baby mit voll entwickelten Zähnen. Es sieht mich an, ganz kurz. Und schaut durch mich hindurch. Es lacht, doch ich seh nur seine Zähne. Eine Ahnung von dem, was ihn, was uns verschlingen wird.“ Die Mutter (anrührend lakonisch: Frieda Pittoors) rückt ins Zentrum dieser Deutung, die in jedem Moment von enormer schauspielerischen Klarheit und Kraft getragen ist. Die Neufassung des flämischen Schriftstellers Peter Verhelst eröffnet zudem eine psychoanalytische Perspektive auf den Verbrecher. Nur logisch, dass er sich kurz vor seinem Untergang als das zu erkennen gibt, was er schon bei seinem Aufstieg war: ein Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel unter dem weißen Hemd.

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