Kultur : Träume sind Räume

Das Berliner Arsenal zeigt erstmals eine vollständige Retrospektive der Filme Federico Fellinis. Achteinhalb Gründe, das Werk des italienischen Kino-Magiers (wieder) zu entdecken

Jan Schulz-Ojala

Nein, die Zeiten sind nicht besonders fellinesk. Hartz Einszweidreivier, Irakkrieg einsundzwei, Berlusconi einsundzwei und vielleicht bald drei. Dauert der lange Winter unseres Missvergnügens vielleicht schon, seit Meister Federico, genannt Fefè, tot ist (31. Oktober 1993)? Und erst im Kino: Nüchternheit, wo nicht der bloß noch computergenerierte Effekt regiert, Berliner Schule hier, straffes Erzählkino dort, Punkt Punkt komma zum Schluss. Andererseits: fellinesk? Da klingt doch was. Googeln wir mal „fellinesk“: Mit 480 Treffern klarer Sieger vor den Adjektiv-Ablegern seiner Traumväter: „chaplinesk“ (278) und „buñuelesk“ (9). Deutlich auch vor seinem ernsten Schattenbruder und seinem witzigen Schwippcousin: „bergmanesk“ (41) und „chabrolesk“ (15). Gar nicht übel – als transpersonaler Seelenzustandssinnstifter muss Fellini sich nur Urvater Kafka (78 800 Treffer) geschlagen geben.

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Genau, wir brauchen Fellini. Und wir brauchen ihn jetzt. In seinen 20 Filmen ist immer Sommer (wenn nicht kurz mal Kunstschneewinter ist). Und in seinen Filmen ist immer Meer. Zum Beispiel in „Julia und die Geister“ (1965): Da kann man sich in einer Sänfte zum Sonnenbaden tragen lassen. Oder der Schluss von „La dolce vita“ (1960): Vergesst Anita Ekberg und die Fontana di Trevi, aber davon später. Und dann gibt es die Plastikplanenwellen von „E la nave va“ (1983) und „Amarcord“ (1973). Man muss mal nachts am Meer stehen irgendwo und auf die Wellen im Mondlicht sehen: Wenn sie gut in Form sind, sehen sie aus wie von Fellini geträumt.

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Ganz groß ist das Meer auch schon im „Weißen Scheich“. Da ist die frisch verheiratete Wanda ausgebüchst von ihrem Ivan auf der Hochzeitsreise, um den weißen Scheich anzuhimmeln, Held ihrer vielverschlungenen Fotoromanzi. Und der Schöne dreht gerade einen Film am Meer unter einem Steinaltdespoten von Brüllregisseur: Fellinis erster eigener Film von 1952, da war er 32 und hatte sich schon als Reporter, Comiczeichner, Drehbuchautor und Ko-Regisseur hochgezaubert in der Welt des Spektakels. Sehr lustiger Film und Fellinis erster Film-im-Film! Sehr diszipliniert auch, spielt alles in 24 Stunden! Später haben Fellinis Filme 24 Bilder pro Sekunde, Genaueres lässt sich zeitmäßig überwiegend nicht sagen.

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Überhaupt, Ungeduld geht nicht bei Fellini, Zappen schon gar nicht. Oder mal kurz rausgehen, während der Film weiterläuft: Niemand wird dir zusammenfassen können, was eben passiert ist, ohne gleich wieder zu verpassen, was gerade passiert. Also da ist Fellini richtig gemein. Nicht verkehrt, sich für 138 Minuten „Achteinhalb“ oder 145 Minuten „Julia und die Geister“ ausnahmsweise zeitgleich nichts anderes vorzunehmen. Das Bild anhalten? Vorsicht, deine Welt könnte plötzlich aussehen wie die Wellen vor El Arenal.

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Fellinis Farben! Niemand hat je süchtiger im Bunt geschwelgt. Seine Zeitreisen namens „Satyricon“ (1969) und „Roma“ (1972): Farbräusche. Sein unterschätzter „Casanova“ (1976) mit der Lustpuppe Donald Sutherland: fast sonnenbrillentauglich, so blendet das. Aber Fellinis (früheres) Schwarzweiß ist nicht zu toppen. Seine großen Filme schwelgen in Schattenspielen, setzen weiße Kliniktücher gegen schwarze Nonnenhülsen, lassen schwarze Züge aus weißen Landschaften los. Auch der Tod ist schwarzweiß. In „Achteinhalb“ (1963), erste Szene, stauen sich schwarze Limousinen am Ausgang eines Tunnels, ein Mann erstickt im Auto. Taumelnde Kamera, dann schaut sie einem schwarzen Männchen hinterher, das ins Weiß eines fernen Himmels davonschwebt. Der Mensch ist eine Vogelscheuche auf Reisen.

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Nichts gegen Fellinis Drastik. Die Riesenweiber, die Spillermänner, die Krüppel, die Monster. Nichts gegen die Arsch’n’Titten-Übertreibungen auch, buchen wir das unter fundamentalkatholizismusgeschädigte Italianità von gestern. Unsterblich aber ist der feine Fellini, der Zweifler, der Streuner, der Träumer, heute wie vor 50 Jahren. Marcello Mastroianni, ob als Journalist oder Regisseur, ist Fellinis Figur dafür: jemand, der immer sehr dabei ist, und immer sehr draußen. Oder so wie Fellinis Frau Giulietta Masina, als Gelsomina („La Strada“, 1954) oder als Ginger („Ginger und Fred“, 1985): immer zart und klar und wahr. Die Sekunde der wahren Empfindung – gerade im Mummenschanz leuchtet sie auf.

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Dass man nach Rom gehen kann und doch in Rimini bleiben: Fellini erfüllt den bangen Traum aller Zugereister. Geboren in Rimini 1920, beigesetzt in Rimini, ein Leben in Rom, in Cinecittà, wo er bald auch wohnte, neben dem Studio Cinque, seinem Originalschauplatz namens Welterfindungsmaschine. In „I Vitelloni“ (1953) schafft es wenigstens eines der fünf männlichen Riesenbabys raus aus Rimini und, vielleicht kein Zufall, der Schauspieler Franco Interlenghi, der den sanften Beobachter Moraldo spielt, hat schon was von Mastroianni. Er schaut aus dem Zug, Flüchtling am Morgen, und sieht in die Fenster seiner schlafenden Kumpane. Man muss Rimini hinter sich lassen, um in Rimini zu sein, ab und zu jedenfalls. Einen Film lang zum Beispiel.

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Fellinis Feste! Seine Massenszenen! Seine Wahlen zur Miss Meerjungfrau 1953! Ja, Fellinis Filme lärmen. Sein Komponist Nino Rota hat am Anfang richtige Zirkusmusik gemacht; später wurde er leiser, und irgendwann gingen lange Szenen auch ganz ohne Masse und Musik. Wie sagt Roberto Benigni am Ende von „Die Stimme des Mondes“ (1990), Fellinis letztem Film? „Wenn wir alle nur ein bisschen stiller wären: Vielleicht könnten wir dann etwas verstehen.“

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Und dann ist Wind. Und Meeresrauschen. Es ist Morgen, und Klatschreporter Mastroianni begleitet die Nachtgesellschaft ans Meer. Jenseits eines Flüsschens, das den Strand teilt, steht das Mädchen, Paola, er erkennt sie wieder, kleine Kellnerin von der Strandbude neulich mittags. Sie rufen sich etwas zu, sie verstehen sich nicht. Sie lächeln sich an. Und dann biegt er wieder ab zu den anderen, biegt wieder ab in das süße Leben.

Filmhaus, Potsdamer Platz, Eröffnung heute um 19 Uhr im Arsenal-Kino. Ausstellungseröffnung im Filmmuseum mit Fotos vom „La dolce vita“-Set heute um 18 Uhr. Beides bis 8. Juni.

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