Kultur : "Training für Eutschland" in den Berliner Sophiensälen

Christine Wahl

Vor einem dreiviertel Jahr präsentierte das Hildesheimer Theater Mahagoni in den Sophiensälen eine szenische Abfolge kümmerlicher Shakespeare-Rezitationen, missglückter Tanzeinlagen und strippender Performer von desillusionierend realistischer Statur: Die Produktion hieß "Bad Actors", zelebrierte den schlechten Geschmack - und wurde mit dem Förderpreis Freier Theater Niedersachsens ausgezeichnet. Außerdem bildete sie den Auftakt einer Trilogie namens "Camps".

Nun folgt am gleichen Ort des schrägen Projektes zweiter Teil: Die Akteure um den Regisseur und Darsteller Albrecht Hirche haben aus dem Übungsfeld für Shakespeare & Co. ein veritables sportives Trainingslager gemacht. Ihr neues Programm lautet "Training für Eutschland" und kommentiert - von der Ossi-Ethik über die Würstchenbuden-Ästhetik bis zum Sozialhilfeantrag - in einer Art Nummernprogramm die Lage der Nation. Und dass die nicht gut aussieht, zeigt sich schon daran, dass alle männlichen Camp-Insassen Volker und alle weiblichen Inge heißen. Zudem ist im Trainingslager ein Mangel an Stilsicherheit zu konstatieren, welcher sich vornehmlich in Kleidungsdetails äußert. So trägt der psychologisch geschulte Trainer eine knappe blaue Badehose zum figurbetonten gelben Top, während er über "eutsche" Tugenden - vorzugsweise über die Sauberkeit - doziert. Und wenn Inge - ihrerseits in einer klassisch taillierten Nylon-Schürze - ihre Lektion gelernt hat, darf sie denn auch "Verantwortung übernehmen" und sich zur Bügel-Spezialistin für Krankenhauswäsche emporarbeiten.

Neben dem Tugend- und Bügel-Exkurs enthält das "Training für Eutschland" auch einen Dialog über die vergebliche Bestellung einer Tasse Kaffee im Garten eines Restaurants, weil es "draußen nur Kännchen" gibt; einen Monolog über Sex mit Minderjährigen, Randbemerkungen zur "eutschen" Historie sowie eine ausführliche Anweisung zum korrekten sportiven Überspringen zweier Stühle. Und trainiert wird beim Theater Mahagoni - gewohntermaßen - auch in sämtlichen kreativen Disziplinen: Neben der Schauspiel- kommen also die Videokunst sowie Choreographien mit Purzelbäumen nebst adäquater Musik zum Einsatz. So gesehen präsentiert sich "Training für Eutschland" zwar durchaus als eine neuerliche Abhandlung über den zeitgenössischen Wort- und Bildermüll.

Im Vergleich zu ähnlichen Off-Projekten allerdings, die in "Live-Art"-Nähe angesiedelt sind, können die Einfälle und Texte der Mahagoni-Crew bisweilen derart ins Absurde kippen; können die schrägen Aktionen so detail- und zielsicher daherkommen, dass die Kriterien einer bösen, geschmacklosen und politisch unkorrekten Performance nicht nur behauptet, sondern tatsächlich eingelöst werden. Fazit: Spannender als Schlingensief!"Training für Eutschland" ist bis 30. Oktober im Festsaal der Sophiensäle zu sehen, Beginn jeweils 20 Uhr.

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