Kultur : Transsibirische Hundehütte

Jens Mühling

Tatumm, tatumm. Stille, dann noch einmal: Tatumm, tatumm. Schwellenschlag unter den Rädern, Schwellenangst im pochenden Herzen: Tatumm, tatumm, aus hier wird dort, doch was wird dort aus mir? Zwei Eisenstränge fliehen in die Vergangenheit, zwei rasen in die Zukunft, der Passagier steht still. Der Zug: das große Dazwischen. Steuerloses Warten. Kein Lenkrad in der Hand, kein Fuß auf der Bremse. Nur ein Kopf, ein Abteil und ein Wurstbrot.

Ob 400 km/h oder 40, spielt das im Inneren des Waggons eine Rolle? Letztlich hat sich der rasende Stillstand des Zugfahrens wenig gewandelt, seit 1825 die erste öffentliche Eisenbahn den Betrieb aufnahm, die englische Stockton and Darlington Railway. Ein gewisser Franzose, der die euphorische Aufnahme des neuen Verkehrsmittels miterlebte, notierte damals: „Es ödet mich in einem Zug so sehr, dass ich nach fünf Minuten vor Langeweile jaule. Die Mitreisenden denken, es sei ein vernachlässigter Hund – aber nein, es ist Monsieur Flaubert.“

Mochten die Zeitgenossen das Zugfahren ruhig als Fortschritt empfinden! Letztlich sollte Gustave Flaubert Recht behalten: Bis heute wird im Zugabteil, dieser wankenden Hundehütte, die Zeit zu einem wabrigen Klumpen, den grausame Götter nach Belieben entzerren und zerdehnen. Dieser Baum vor dem Fenster, war das vor einer Stunde? Gestern, vor einer Woche? Oder – Grausen erfasst die Passagiere – erst morgen?

Sicher ist nur eins: Je länger die Reise, desto gestörter die Zeitwahrnehmung. Die transsibirische Eisenbahn: eine Höllenfahrt. 9297 Kilometer, sechseinhalb Tage Fahrzeit, sieben Zeitzonen. Spätestens ab Irkustsk weiß niemand mehr, wie spät es ist. Die Uhren auf den Bahnsteigen zeigen nur Moskauer Ortszeit an. Im Abteil verbreitet ein Tschuwasche das Gerücht, man müsse bei jedem Halt die Armbanduhr um drei Minuten zurückdrehen, um in Wladiwostok wieder auf Normalzeit zu sein (es funktioniert nicht). Vor den Fenstern fliegen Birkenwälder vorbei, Birkenwälderbirkenwälderbirkenwälder, so unaufhörlich und gleichförmig, dass man ins Zweifeln gerät: Ist das echt? Oder gaukelt uns da jemand einen potemkinschen Birkenwirbel vor? Und überhaupt: Wer rast hier eigentlich an wem vorbei? Ist es ein Wunder, dass Einsteins Relativitätstheorie so gerne am Beispiel eines fahrenden Zugs erklärt wird? Und dass sie trotzdem niemand versteht?

In seinem „Wörterbuch der Gemeinplätze“ notierte Flaubert zum Stichwort Eisenbahn: „Man gerate ob dieser Erfindung aus dem Häuschen und sage: Monsieur, ich, der ich hier mit Ihnen spreche, ich war heute Morgen in X; ich bin mit dem X-Zug hingefahren; dort habe ich meine Geschäfte erledigt usw.; und um X Uhr war ich wieder da!“ Fortschrittsstolz, Vorfahrtsstolz, der auch dem transsibirischen Passagier ins Gesicht geschrieben steht. Und trotzdem: Die Füße zittern, wenn sie in Wladiwostok den Boden berühren.

Bisher erschienen: unterwegs zu Fuß, mit dem Rad, auf der Vespa, mit der Luftmatratze, dem Auto und dem Segelboot. Als Nächstes: die Fähre.

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