Kultur : Trau einem unter dreißig

Mit Witz und Herzlichkeit: Der Schweizer Autor Urs Widmer legt seine Autobiografie vor.

Jochen Jung

Man kann ja nicht sagen, dass man immer schon wissen wollte, wie eigentlich Kindheit und Jugend von Urs Widmer verlaufen sind. Obendrein ist er Schweizer, da erwartet man sich eh nichts Aufregendes – zumindest, solange man nicht selber einer ist. Außerdem ist er ein bekannt sympathischer Mann, und solche sind von vornherein nicht halb so interessant wie die Ekel.

Urs Widmer kennt die Gefahren des Autobiografischen: Rechtfertigung oder Eigenlobhudelei. Von ihnen ist dieses Buch frei. Zwar ist hier alles entlang den Beobachtungen und Erfahrungen des Autors erzählt, den man auch auf keiner Seite aus dem Blick verliert, aber man spürt immer, dass hier jemand von sich erzählt, gerade weil er seine eigene Geschichte auch als symptomatisch versteht. Erzählt wird also das Erwachsenwerden von Urs Widmer, erzählt werden aber zugleich die Jahrzehnte vom Ende der Dreißiger bis heran an die 68er Tage.

So und nicht anders hat Autobiografie ihren Sinn: Ein Einzelner wächst auf und kann die eigene Geschichte in die Geschichte seiner Jahre einbauen. Zum Glück des Lesers kann Urs Widmer auch erzählen. Geboren 1938 in Basel als Sohn eines Lehrers und Übersetzers, verlief seine Kindheit parallel zu dem das gesamte übrige Europa ergreifenden Krieg der Nationalsozialisten, der die Schweiz, die das selbst kaum glauben konnte, verschonte. Ständig versuchte man sich auf den Ernstfall vorzubereiten, und wenn eine Stadt so nah an der Grenze zu Deutschland liegt wie Basel, kann schon mal eine Bombe ihr Ziel verfehlen.

Die Familie Widmer kommt ziemlich unbehelligt davon, wie auch, was die äußeren Koordinaten angeht, in den folgenden Jahren. Man muss nicht hungern und nicht darben, man ist in Ehren und in Sicherheit, nicht reich, aber es reicht aus, es gibt ein regelmäßiges Einkommen. Widmer erzählt davon in einzelnen Tableaux, malt sie aus, ohne falsche Zusammenhänge zu behaupten, versucht sich selbst zu vergewissern: wie war das damals im Tessin, wie haben die Eltern miteinander geredet, wer war meine Schwester Nora für mich, wer meine Freunde.

Einzelnes wird anekdotisch erzählt, anderes in der jährlichen Wiederkehr verlässlicher Lebensrahmen. Der Vater gibt sich im familiären Zusammensein immer lustig, einer, der sich in Witze rettet und sich abends in sein Zimmer zurückzieht, zur geliebten Schreibmaschine, und früh zu Bett geht. Die Mutter hingegen würde am liebsten gar nicht ins Bett gehen, ist hyperaktiv und auf einmal in der Nervenklinik. Als sie zurückkommt, tut man so, als sei alles wie immer. Später glaubt der Sohn, dass nur er es ist, der die Eltern noch zusammenhält. Über Vater und Mutter hat Urs Widmer Bücher geschrieben, die zu seinen besten gehören.

Was weiß man von seiner Zeit als Zwei-, Drei-, Vierjähriger? Augenblicke, Bilder und vieles, was sich eingeprägt hat, ohne sich zu erklären, sinnliche Eindrücke, Ängste, das Gefühl, aufgehoben zu sein. Nicht anders hier: Registriert werden Veränderungen, Umzüge in andere Häuser, andere Straßen, zu neuen Freunden, die Fahrt in die Ferien, in den Süden. Und in der Mitte immer wieder der kleine Urs, der wahrnimmt, begreift und nicht begreift, vor allem sich selbst zu begreifen und nicht zu begreifen beginnt. Gleichzeitig will er die Welt erkunden, und der Radius weitet sich. Zu den schönsten Passagen dieses Buches gehören die Seiten über das geliebte Fahrrad, mit dem er wie ein Kentaur zusammengewachsen scheint und über das er geradezu leidenschaftlich reden kann. Später die Vespa, dann der 2CV, dann ein R4.

Diese Lebenserzählung bezieht ihre Farbe aus der Mischung der Töne und, wie bei Widmer zum wiederholten Glück des Lesers nicht anders zu erwarten, von dessen Sinn für Komik und, mehr noch, für Humor. Bei ihm verliert der Witz, auch wo er scharf ist, nie einen Rest von Herzlichkeit. Man lese die Seiten über seine Universitätsprofessoren.

Weniger erwartet, obwohl nicht unvertraut, sind die düsteren Seiten einer Depression, die schon das Kind mit „zündrotem Schädel“ und geballten Fäusten, tief erschüttert in Körper und Seele, in eine Ecke schob, aus der es erst nach einer bösen Weile wieder herausfand. Solche Panikattacken, Schocks aus Hitze, Krampf und Starre – „Bizarrerien“ nennt er sie selbst – gehen ja, ehe sie vorübergehen, quer durch einen hindurch. Von den „Bleigewichten des Herzens“ ist die Rede und von den „grauen Gefühlen“, die sich offenbar erst im höheren Alter in den Griff bekommen ließen, als verschattete Grundierung aber immer da sind. Aber Urs Widmer kennt auch ein radikales Glücksgefühl, etwa bei einer Basler Fastnacht, die bekanntlich selbst Kölner fassungslos machen kann und übrigens auch eine Seite der Schweiz ist.

Widmer erzählt nicht sein ganzes Leben, sondern lässt es mit den ersten drei Jahrzehnten bewenden, die auch jeweils ein Kapitel des Buches ausmachen, denen wiederum kurze Überlegungen vorangestellt sind, die diese Dezennien auch als Abschnitte der europäischen Kulturgeschichte verdeutlichen.

Am Ende kommt der Anfang: Anders, als man zunächst gedacht haben mag – und ist das nicht ein Zeichen von Bescheidenheit? –, wird hier keineswegs die Biografie von jemandem erzählt, dem man schon als Dreijährigen ansah, dass er ein Dichter werden müsse. Vielmehr liest man erst nach mehr als 300 lebensvollen Seiten und knapp vor Schluss – der Mann hat inzwischen promoviert, geheiratet und einen Lektorenjob bei Unseld: „Der Urknall rückte näher. Mein Urknall: ein kleiner für die Menschheit, ein großer für mich.“ Während im Nebenraum die Küche der ersten Frankfurter Wohnung des jungen Paars hergerichtet wird, setzt Urs Widmer sich auf einen Hocker, vor sich eine himmelblaue Olivetti („Zehn Sekunden vorher hatte ich noch nicht im Geringsten an so was gedacht.“), und fing an und schrieb.

Er schrieb. Die Olivetti schrieb. Es schrieb. Dann war es fertig. Das glauben Sie nicht? Es war aber so. Jochen Jung

Urs Widmer:

Reise an den Rand des Universums.

Autobiografie.

Diogenes Verlag,

Zürich 2013.

346 Seiten, 22,90 €.

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