Traumata : Ich versteh’ die Welt nicht mehr

Die prekäre Aura des Traumatischen: Duisburg, Afghanistan - überall spricht man von einem Trauma. Ein Plädoyer für den präziseren Umgang mit einem Begriff.

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Pablo Picassos "Weinende Frau" von 1937
Pablo Picassos "Weinende Frau" von 1937Foto: akg-images

Eine Berliner Hundehalterin, leicht alternativ angehaucht, gibt ihrem Nachbarn für einen Augenblick ihren Welpen auf den Arm. Halten Sie doch mal kurz den Hund, sagt sie vor der Haustür, wo sie nach dem Schlüssel für die Tür der Wohngemeinschaft kramt. Aber Vorsicht! Fügt sie hinzu. Offenbar verfügt der Nachbar nicht über das gebotene Maß an Vorsicht, denn das kleine Wesen sträubt sich, es entgleitet dem Mann und fällt mit kurzem Aufjaulen aufs Trottoir, springt dann auf und bellt. Jetzt haben Sie meinen Hund traumatisiert! faucht die Frau den verdutzten Nachbarn an. Davon erholt der sich nicht mehr!

So übertrieben die kleine Vignette aus dem Alltag klingt, sie macht doch deutlich, wie der Begriff „Trauma“ Einzug hält in alle Sphären zeitgenössischen Lebens, bis in die Politik. Im Juni, als FDPGeneralsekretär Christian Lindner den CSU-Chef Horst Seehofer angriff, weil dieser sein Veto gegen die Gesundheitsreform der Regierung einlegte – es waren die „Wildsau-Tage“ des Koalitionskrachs – erklärte Lindner in einem Interview, Seehofer habe „ein persönliches Trauma“, und nun müssten „siebzig Millionen gesetzlich Versicherte seine Traumatherapie machen“.

Starker Tobak. Aber ein weiteres Indiz für die inzwischen ubiquitäre Verwendung des Terminus. Wie mit „Projektion“, „Komplex“ oder „Phobie“ wandert mit „Trauma“ ein weiterer Teil klinischen und therapeutischen Vokabulars in die Alltagssprache ein. Wo sich neue Begriffe aus den Enklaven der Wissenschaft zur Migration in die breite Bevölkerung aufmachen, ist das in der Regel ein Anzeichen fortschreitender Aufklärung. Gegen den fahrlässigen oder falschen Gebrauch der Begriffe hilft allerdings nur mehr Präzisierung, die den Respekt vor der Bedeutung nicht verliert.

Tatsächlich sind sie überall: Tatorte und Traumata, wo wir hinschauen. Es gibt die privaten und intimen Szenarios im mutmaßlich gewalttätigen Sexualleben eines Wettermoderators oder den organisierten Übergriff auf Kinder durch Pädagogen und Priester. Zu solchen Szenarios gehören die traumatisierten Opfer. Dann gibt es die öffentliche, kollektive Panik mit tödlichem Ausgang, wie sie als Trauma die Raver und Ordnungskräfte der Duisburger Loveparade belastet, und die großen, gewalttätigen „Schauplätze“ des Krieges, aus denen, wie im Fall Afghanistan, mehr und mehr Traumatisierte zurückkehren. Inzwischen werben auch Mediziner der Bundeswehr dafür, das Thema zu enttabuisieren, um die Scham- und Angstgrenze herabzusetzen, mit der sich Angehörige der Streitkräfte konfrontiert sahen, die, auch ohne Granatsplitter im Körper vorweisen zu können, beschädigt, beeinträchtigt sind.

Dass der Begriff „Trauma“ aus seinem klassischen, klinischen Kontext hervortritt, dass er eine derart große, gesellschaftliche Karriere erlebt, die ihn so boulevard- wie salonfähig macht, ist also begrüßenswert. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Sigmund Freud und seine Kollegen zum weltweit ersten Mal eine Konferenz über das Thema Kriegstrauma abhielten, war die Vorstellung, es gäbe seelische Äquivalente zu körperlichen Verletzungen, noch exotisch. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg als Überlebender der Gräuel in Lagern und Haftanstalten materielle Entschädigung suchte, galt oft noch als Simulant und stand im Verdacht, sich Leistungen erschleichen zu wollen. Erst in der Folge des Vietnamkriegs und später der Frauenbewegung, die auf frühkindliche Traumatisierung bei Missbrauchten stieß, begann der Begriff seine Emigration aus den Gefilden eingeweihter Analytiker in die Öffentlichkeit.

Das Trauma, im Kern ein „Attentat auf das Verstehen der Welt“, bedeutet die Konfrontation mit einem Ereignis, auf das die Psyche unvorbereitet ist, eines, das sie nicht integrieren kann. „Wer Furchtbares erlebt hat“, schreibt die Harvarder Traumaforscherin Judith Herman, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Schäden. Das Spektrum traumatischer Störungen reicht von den Folgen eines einzigen, überwältigenden Ereignisses bis zu den vielschichtigen Folgen lang anhaltenden und wiederholten Missbrauchs.“ Hermans Standardwerk „Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden“ (Paderborn, 2006), führt als Traumafolgen unter anderem an: Störungen der Affektregulation wie Wut oder Rückzug, Bewusstseinsveränderungen wie Unwirklichkeitsempfinden, gestörte Selbstwahrnehmung wie das Gefühl, stigmatisiert zu sein, gestörte Wahrnehmung des Täters, etwa die Zuschreibung von Allmacht, Beziehungsprobleme wie Misstrauen und Rettersuche sowie Veränderungen des Wertesystems, etwa der Verlust fester Glaubensinhalte. Beobachtet werden diese Symptome bei so unterschiedlichen Gruppen wie Kriegsveteranen und misshandelten Frauen. Herman findet sie „bei „Überlebenden der riesigen Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über Völker herrschten, und den Überlebenden der kleinen, versteckten Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über ihre Familie herrschen.“

Wenn in die Nachtruhe eine Bombe einschlägt, wenn der fürsorgliche Vater, die nährende Mutter zur übergriffigen, verletzenden Horrorfigur wird, wenn ein Kleinkind plötzlich aus gewohnter Umgebung herausgerissen und zu fremden Leuten fortgeschafft wird, dann kann die Psyche das Geschehene nirgends unterbringen. Dazu fehlen vertraute Bilder oder Worte. Sind dann weder Flucht noch Angriff, die primären, „natürlichen“ Reflexe, möglich, ist meist psychische Erstarrung die erste Folge. Das, was passiert ist, wird abgespalten, es wird aus dem Bewusstsein gesprengt, und ins Unbewusste verschoben. Als verdrängtes Wissen arbeitet dort das „Vergessene“ weiter, es ist so wenig „weg“, wie das Kind, das glaubt unsichtbar zu sein, wenn es die Hände vors Gesicht hält.

In Albträumen oder unvermittelt einschießenden Bruchstücken von Erinnerung, sogenannten Flashbacks, macht der traumatische Inhalt sich weiter bemerkbar. Kinder verpflanzen den unerträglichen, unintegrierbaren Teil der Täter ins eigene Innere, wo diese Repräsentation als sogenanntes Introjekt am Werk ist: Die „schlechte Mama“ wird zum „schlechten Kind“, um die gute Mutter am Leben zu erhalten. In der Vorgeschichte jugendlicher Straftäter findet sich fast immer ein solcher Vorgang. Je nachdem, wie früh und wie intensiv das Trauma erlebt wurde, dauert die Linderung länger oder weniger lang. Klar ist vor allem, dass in kaum einem (frühen) Fall die Heilung ohne ein Gegenüber, eine Beziehung gelingt.

Den Therapeuten wird bei traumatischen Patienten ein ungewöhnlich hohes Maß an persönlicher Reife und Integrität abverlangt. Sie müssen der Aggression, dem Misstrauen, der Verzweiflung, der massiven Abwehr ihrer Klienten gewachsen sein, ohne dabei selber narzisstisch gekränkt zur Rache am andern zu greifen. Systematische, professionelle Konzepte der Behandlung stehen noch aus, wie unlängst ein Psychiater der Berliner Charité anmerkte. Es gebe, sagte er, einen Wildwuchs an Angeboten, in dem es für die Beschädigten oft Glückssache ist, ob sie den angemessenen Ort finden, an dem das Unaussprechliche Sprache, Erzählung werden und seine Macht verlieren kann. „Mentalisieren“ nennen Psychologen diesen Vorgang. Heilung dient auch der Prävention, denn unverheilte Traumata machen sich auf den Weg zur transgenerationalen Weitergabe. Wie sie subtil und unbewusst an Kinder und Kindeskinder weitergereicht werden, ist ein relativ neuer Gegenstand der Forschung.

1980 wurde die „posttraumatische Belastungsstörung“ in den USA in den Katalog der medizinisch anerkannten Symptomatiken aufgenommen. Entdeckt hatten sie bald Kultur- und Literaturwissenschaftler wie auch Historiker. Vom Dreißigjährigen Krieg, dem größten kollektiven, traumatischen Ereignis der Geschichte vor der Schoah, bis zur Neudeutung von Goethes „Faust“, worin das Trauma des schwangeren Gretchens auftaucht, die, unfähig, ihren Kerker und Keller zu verlassen, in ihrem Unglück verharrt, wurde nun unter anderen Vorzeichen interpretiert und dekretiert.

Der hier oft angetroffenen „ Auratisierung“ des Begriffs Trauma widersprach der psychoanalytisch geschulte Germanist Harald Weilnböck 2008 in seinem Großessay „Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben“. Mit dem Titel zitierte er eine für viele post-strukturalistische Geisteswissenschaftler typische Haltung, das „Unaussprechliche“ im Bereich des Mystischen zu belassen. Auch die Tendenz, Traumatisches im sakralisierten „Gedenken“ einzufrieren, anstatt es durch Erinnern, durch Narrative ans Licht zu bringen und zu lindern, kritisiert Weilnböck mit Verve und Emphase. Im gruseligen Behagen an der Agonie diagnostiziert der Autor eine verdeckte Komplizenschaft mit den Tätern, die den modischen Geisteswissenschaftlern selber nicht bewusst werde.

Der „Tatort“ sei „ein Genuss“, verkündet die Werbung, ehe der Fernsehkrimi beginnt. Auch darüber, warum traumatische Taten wie Morde zur allabendlichen Unterhaltung zählen, dürfte sich eine Gesellschaft Gedanken machen, in der das Wort „Trauma“ zum Modebegriff mutiert.

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