Kultur : Traumtöne in Pianissimo

Zum 80. der Sopranistin Montserrat Caballé.

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Von ihren Fans geliebt. Montserrat Caballé bei einem Auftritt 2011 in Wien. Foto: Reuters
Von ihren Fans geliebt. Montserrat Caballé bei einem Auftritt 2011 in Wien. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Eigentlich soll man ja aufhören, wenn’s am schönsten ist. Im Fall von Montserrat Caballé allerdings hat das nicht so richtig geklappt. Auch nach ihren 80. Geburtstag, den die Sopranistin heute feiert, sind diverse Auftritte geplant, in Wien, Nürnberg oder auch in Halle an der Saale. Dass sich die Katalanin seit Jahrzehnten auf einer Art endloser Abschiedstournee befindet, hat natürlich mit der Treue ihrer Fans zu tun. Die nämlich füllen immer noch die Hallen, wenn „La Montse“ kommt, hören gnädig über eigentlich längst unüberhörbare vokale Defizite hinweg und hoffen darauf, dass sie wieder ihren berühmten Scherz macht.

Mitten im Konzert schmiegt sich Montserrat Caballé dann in die sogenannte Diven-Kuhle des Flügels, um plötzlich mit erschrockenem Gesicht vorzuspringen und sich kopfschüttelnd umzudrehen: Als sei das Instrument gerade vor ihrer beachtlichen Leibesfülle ein Stück nach hinten gewichen. Danach lässt sie ihr helles, ansteckendes Lachen ertönen – und keiner kann ihr mehr böse sein.

Der natürliche Charme der Sopranistin steht dabei in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Spezialität, nämlich der melancholisch verhangenen Ebenmäßigkeit ihrer weit gespannten Melodiebögen. Caballés Bühnenfiguren, so die häufige Kritik, gehe jegliche Leidenschaft ab, just jenes Temperament, das sie als Privatperson so unwiderstehlich macht. Als „lethargisches Singen“ brandmarkt das der Stimmenkenner Jens Malte Fischer, Caballés Kollegin, die Neue-Musik-Spezialistin Cathy Berberian, hat ihr gar eine „fast kuhartige Mentalität“ vorgeworfen – weil sie nicht über das nachdenke, was sie da gerade in Töne fasse.

Zumindest zu Beginn ihrer Karriere war das anders: Entbehrungsreich sind die Kinder- und Ausbildungsjahre in ihrer Heimatstadt Barcelona, als Allzweck-Solistin dient sie zunächst an mittleren Stadttheatern, ab 1956 in Basel, von 1959 – 1962 dann in Bremen. Hart erarbeitet sie sich hier Bühnenerfahrung und Repertoire, träumt von einer Karriere mit den großen Verdi- und Puccini-Rollen. Doch den internationalen Durchbruch verdankt sie dann einer Donizetti-Rarität: 1965 springt sie für Marilyn Horne in New York als „Lucrezia Borgia“ ein. Danach wollen sie die Opernhäuser am liebsten nur noch für Belcanto buchen.

90 verschiedene Rollen hat sie seitdem bei mehr als 4000 Auftritten interpretiert, in der „Turandot“ nicht nur die Liù gesungen, sondern auch die Titelrolle, sich sogar an Richard Strauss’ „Salome“ gewagt – in die Musikgeschichte aber ist Caballé mit ihre Belcanto-Einspielungen aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eingegangen. Da betört sie mit einer Stimme von seltener Schönheit, sanft und sinnlich, koloraturgewandt und durchaus mit einem dramatischen Kern. Vor allem aber ist da diese zur Perfektion gesteigerte Pianissimokultur zu erleben. In Höhenregionen, die andere Sopranistinnen nur mit Mühe und Nachdruck erreichen, vermag sie die Töne sanft anzusetzen, dann ebenmäßig abdimmen und schließlich sogar hauchzart verklingen zu lassen. Das ist Elfenbeinturmkunst, wie sie sich manirierter kaum vorstellen lässt, feinstes Ohrenfutter für jeden Stimmfetischisten.

Lange schon vermag Montserrat Caballé solche Traumtöne nicht mehr zu produzieren. Ihre Live-Auftritte beschließt sie darum stets mit Zarzuela- Hits, mit der spanischen Spielart der Operette also, bei der sie so richtig ihren Charme spielen lassen kann. In diesem Sinne: ¡Felicitaciones! Frederik Hanssen

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