Kultur : Traurige Gesellen

NICOLA KUHN

Vom Skandalmaler zum Topstar: Georg Baselitz zum SechzigstenVON NICOLA KUHNVier große Ausstellungen stehen für ihn 1998 auf dem Plan: in Deutschland, den USA, Südamerika und zum Jahresende die Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk Museum.Kein kleines Programm, aber Georg Baselitz bewältigt es seit Jahren.Als international gefragter Topstar der Kunst will man ihn rund um den Globus sehen.Mögen seine Bilder in den großen Sammlungen, Auktionshäusern, Museen auch wie letzte Worte der Kunst gehandelt werden und die Gratulanten sich anläßlich seines heutigen 60.Geburtstages in der finalen Einschätzung des Werkes versuchen: Baselitz wird sich davon selbst in diesem Jahr kaum beeindrucken lassen.So hat die Retrospektive 1996 in der Neuen Nationalgalerie bewiesen, daß der Künstler noch jedes Mal eine neue Richtung eingeschlagen hat. Dennoch - alle Wege führen zurück zu jenem Gemälde, das West-Berlin vor 35 Jahren den ersten Kunstskandal der Nachkriegszeit bescherte.Mit einem Schlag war der junge Mann aus Sachsen bekannt.Die Staatsanwaltschaft hatte Pornographie hinter dem in der Galerie Werner & Katz ausgestellten Gemälde gewittert, das ein gnomenhaftes Kind mit überdimensionalem erigierten Penis zeigte.Zwei Jahre dauerte die Debatte, bis das Gerichtsverfahren gegen den Künstler eingestellt und "Die große Nacht im Eimer" ihm wieder zurückgegeben wurde; so lange wollte die Verstörung angesichts des unmöglichen Kindes nicht weichen.Zu Polizeieinsätzen kam es dann in seinen Ausstellungen zwar nicht mehr, aber eine ähnliche Beklemmung, die gleichen unguten Gefühle einer verdrängten Jugend und unverarbeiteten Vergangenheit, beschlich die Besucher vor den nun folgenden riesenhaften Männergestalten, die noch im Kriegsrock zu stecken schienen. Dabei rechnete Baselitz, eigentlich Hans-Georg Kern, in diesen Bildern mit der eigenen Geschichte ab, seinen Erinnerungen an Krieg und Heimkehrer.Mit der gleichen Trotzigkeit legte er sich nach 1961, in Anlehnung an seinen Geburtsort jenseits der Mauer, den Künstlernamen Baselitz zu.Das Studium an der Kunstakademie in Ost-Berlin hatte 1956 nur ein Semester gewährt, dann mußte er die Hochschule wegen "gesellschaftlicher Unreife" verlassen.Der Wechsel an die Hochschule der Künste in West-Berlin brachte ihm die Begegnung mit Eugen Schönebeck.Gemeinsam suchten beide einen Neubeginn für die Malerei, fern der Realismusdoktrin im Osten und dem Zwang zur Abstraktion im Westen.Die "Neue Figuration" war geboren. Für sich selbst fand Baselitz die künstlerische Lösung in der Drehung des Bildgegenstands um 180 Grad.Diese Wende hatte sich bereits in den "Fraktur"-Bildern seit Mitte der sechziger Jahre angedeutet, in denen er die Menschen, Tiere, Landschaft in Fragmente zerstückelte.Mit Hilfe dieser Methode betrieb Baselitz freie Malerei, ohne das Motiv aufgeben zu müssen.Er hatte damit der Kunst die Gegenständlichkeit gerettet.Bis heute gilt deshalb der "Kopfstand" als das Erkennungszeichen seiner Gemälde. Seit den neunziger Jahren jedoch treibt Baselitz diesen Ansatz noch weiter, indem er seine Figuren gleichsam im Raum schweben läßt.In ihrer Losgelöstheit erinnern die fortlaufend "Bildeins", "Bildzwei" usw.betitelten Gemälde wieder an die "Fraktur"-Bilder der Sechziger.Durch ihre riesigen Formate lassen sie sich nur noch am Boden liegend bearbeiten.Die so herbeigeführte Unübersehbarkeit des Ganzen führt den Künstler noch einmal zurück auf den Malprozeß. Um den Bildhauer Baselitz ist es hingegen in den letzten Jahren stiller geworden.Der Peintre-Sculpteur hatte mit seinem ersten großen Werk bei der Biennale 1980 in Venedig einen Überraschungserfolg gelandet und beinahe erneut einen Skandal provoziert.Das "Modell für eine Skulptur", eine roh aus Holz geschlagene Figur, reckte den einen Arm in mißverständlicher Geste nach oben.Seine letzten Skulpturen zeigte er hingegen mit Stoffen ummantelt, als wolle er die zerklüfteten Gestalten vor Zugriff schützen. Laut wurde es dafür um Baselitz noch einmal während der Wendezeit, nach seinen Äußerungen über Malerkollegen der ehemaligen DDR, die er samt und sonders als "Arschlöcher" beschimpfte, später dafür nur noch als unfähig abkanzelte.Doch auch darüber scheint die Zeit hinwegzugehen.So ließ sich der Künstler jüngst in der Ausstellung "Deutschlandbilder" den Vergleich mit seiner Pendantgeneration jenseits der Mauer gefallen.Die Argumente sind ohnehin auf der Seite des Jubilars, zumindest, wenn man die Liste seiner Ausstellungsvorhaben betrachtet.

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