Kultur : TRAVESTIE

JÖRG KÖNIGSDORF

Seine grausigsten Momente hat "Cabaret Berlin" immer dann, wenn es tatsächlich versucht, Kabarett zu sein.Wenn etwa Marc Diavolo, ein hochgewachsener junger Mann mit langer blonder Mähne und irgendwann einmal von "Playgirl"-Leserinnen zum Playmate des Jahres gewählt, sich nach vollbrachtem Striptease an ein Frisiertischchen setzt und in die Rolle der Michaela Lindner schlüpft - "Hier sitze ich nun an meinem Bürgermeisterinnenschreibtisch und packe meine Sachen" sinniert eine tiefe Stimme aus dem Off des Tränenpalastes, während Diavolo sich gedankenverloren Frauenkleider überstreift."Man sollte Milosevic ein paar weibliche Hormone spritzen, damit er seine mütterlichen Gefühle entdeckt" dreht sich die Gedankenschraube über einer dezent melancholischen Oboenweise in immer abenteuerlichere Windungen hinein.Das hat nichts vom kühnen Zynismus, der ätzenden Schärfe guten Kabaretts, sondern ist einfach nur peinlich.Genauso peinlich wie die Politplatitüden über die ach so verklemmten Bonner Politiker, mit denen sich Romy Haag durch ihre Moderation haspelt.Oder die zum Glück spärlich eingestreuten Gags, von denen kein einziger wirklich witzig ist.Gesungen wird auch, meist von Haag selber, in emphatisch gestikulierender Post-Piaf-Manier.Drumherum strippen vier männliche "Chippendale"-Klons sich nach den immergleichen mäßig erotischen Grundschema aus verschiedenen Kostümen.Über fortgeschrittenes Aerobic-Niveau hinausgehende tänzerische Ambitionen sind nur in vereinzelten Nummern zu beobachten - beim "Spitzentanz mit Deutschlandfahne" liegen sie immerhin über der Nachweisgrenze.

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