Kultur : Tricks und Ticks

HANS-JÖRG ROTHER

Einst glaubte man, die Leute mit einem Tick seien von Dämonen besessen.Jesus heilte, berichtet das Neue Testament, eine Schar schreiender und klagender Geisteskranker, indem er den Teufeln befahl, in eine Herde Säue zu fahren, die sich daraufhin kopflos ins Meer stürzte.Heute wissen wir, daß eine kleine Veränderung der Gehirnstruktur genügen kann, um eine irreparable Dauerstörung herbeizuführen.Siebenunddreißig Arten von Ticks hat einer der Betroffenen, die Mischka Popps und Thomas Bergmanns Dokumentarfilm darstellt, während eines lichten Moments gezählt.

Unflätige Schimpfwörter ausstoßend läuft ein Mann über die Straße und schneidet dazu wilde Grimassen.Er ist weder betrunken noch - wie sein Ruf "Hitler" vermuten lassen könnte - ein wildgewordener Rechtsradikaler, sondern leidet unter dem Soarepschen Syndrom.Nach dem Anfall spricht er völlig ruhig über das ihn häufig überkommende Verlangen, gegen Sprachtabus zu verstoßen und dabei den Mund zu verzerren, mit den Augen zu rollen, den Kopf hin und her zu werfen.Diese notorische Nervosität läßt ihn auch vor der Kamera nicht völlig los.Niemand braucht die Tick-Menschen zu fürchten, man kann ihnen ja zunehmend in der Öffentlichkeit begegnen, aber zum Lachen reizen sie doch.

Dabei sind ihre Biographien tragisch genug.Ein Familienvater hat bei einem Unfall sein Gedächtnis verloren und weiß nicht mehr, wer die Person ist, die ihn pflegt.Romane und Spielfilme haben solche Verschiebungen des Zeitbewußtseins schon oft benutzt, um die Gegenwart zu verfremden.Im wirklichen Leben sind diese Unfälle tragisch genug.Die Menschen verlieren ihre Selbständigkeit, und oft ist auch das Leben der nächsten Angehörigen in gravierender Weise betroffen.

"Unser Film ist eine Reise.Durch Köpfe." Mischka Popp und Thomas Bergmann scheint weniger das Analysieren als das Staunen wesenseigen zu sein.Von einem äußerlich ganz normal wirkenden Mann, der eine Streichholzschachtel partout für einen Flaschenkühler halten will, bis zu den in einem Wiener Heim untergebrachten naiven Malern, die die Zimmerwände in den Orbis pictus ihres Gemüts verwandelt haben, dient hier die Reihe der studierten Fälle zum Beweis für die seltsamen Einfälle des geschädigten Gehirns.Zuweilen scheint es, als hielten die Autoren die Menschen mit eingeschränkter Verstandeskraft für die glücklicheren Wesen.Ein eingeschränktes Gesichtsfeld hält viel Unangenehmes außerhalb der Erfahrung, und wem das Gedächtnis abhanden kam, dessen dämmrige Gegenwart wird durch Erinnerung weder getrübt noch bereichert.

Hin und wieder möchte der Zuschauer die Autoren beim schnellen Weiterblättern in ihrem interessanten Krankenalbum hindern, aber Popp und Bergmann haben sich viele, zu viele Fälle vorgenommen.Vor allem aber läßt die heitere Tonart unverbindlicher Neugierde kaum einmal Betroffenheit aufkommen.Man blickt in eine scheinbar wohlversorgte Welt.Jedes Ausharren beim Einzelnen hätte das Gruseln lehren können.

Filmbühne am Steinplatz

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