Tricky : Fluch und Sägen

Mit „Knowle West Boy“ schafft Trip-Hop-Star Tricky sein Comeback: Er klingt wieder inspiriert und energiegeladen.

Nadine Lange

Mindestens zehn Stockwerke, graue Fassaden, Satellitenschüsseln – der soziale Wohnungsbau hat überall in Europa ähnliche Siedlungen hervorgebracht. Ein typisches Exemplar befindet sich in Knowle West, einem Stadtteil von Bristol. Problemkiez würde man dazu in Berlin sagen. „Weißes Ghetto“ nennt Adrian Thaws die Gegend, in der er als eines der wenigen schwarzen Kinder aufgewachsen ist. Hier bekam er den Spitznamen Tricky Kid, hier fuhr er bis spät nachts mit seinen Freunden auf Fahrrädern herum und ging nur gelegentlich zur Schule.

In dieses Viertel kehrt Tricky nun zurück: „Knowle West Boy“ heißt die Album-Hommage an seine Wurzeln, „Council Estate“ (Sozialbausiedlung) die erste Single. Der Song ist ein kompaktes Wutpaket mit wühlendem Bass, kreischender E-Gitarre und ballernden Drum-Breaks. Dazu schreit Tricky, sonst eher für heiseren Flüstergesang bekannt: „Can’t break it, can’t take who you are / But remember boy, you’re a superstar.“ Der kurze Punkkracher hat es in sich, denn er transportiert nicht nur das Gefühl des jugendlichen Unverstandenseins, er steht auch für Trickys ewige Rebellion gegen seinen früheren Sound. Am Anfang zitiert er den ersten Takt von Portisheads „Roads“, den er mit einem fiesen Sägegeräusch unterlegt. Das klingt, als ob dieses von einem Rhodes-Piano gespielte signaturhafte Trip-Hop-Motiv zu Staub zermalmt und mit ihm das gesamte Genre vom Platz gefegt werden sollte, das Anfang der neunziger Jahre in Bristol enstand und von Portishead popularisiert wurde.

Tricky, heute 40 Jahre alt, war damals zunächst im Umfeld von Massive Attack aktiv, an deren stilbildendem Album „Blue Lines“ er mitarbeitete. 1995 stieg er mit seinem Debüt „Maxinquaye“ selbst in den Rang eines Trip-Hop-Großmeisters auf. Geprägt war die auch „Bristol Sound“ genannte Musikrichtung von abgebremsten Hip-Hop-Beats, Soundtrack-Samples und melancholischem Frauengesang. All dies führte Tricky auf seinem ersten Album zusammen mit der Sängerin Martina Topley-Bird mustergültig vor – und schuf sich so seinen eigenen Fluch.

Seine anschließend in hoher Frequenz veröffentlichten Alben schienen vor allem von dem Wunsch beseelt, diesen Sound möglichst weit hinter sich zu lassen – zumal er bald tausendfach kopiert wurde und zu einer Art Kaffeehaus-Konsens-Musik verkam. So driftete Tricky in immer düstere, klaustrophobische Klangwelten ab. Erst im neuen Jahrtausend entspannte er sich etwas, wurde wieder zugänglicher, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Auf seinem letzten Album „Vulnerable“ (2003) präsentierte er sich geradezu poppig, ließ dabei aber jegliche Spannung vermissen. Statt Panikattacken lösten seine Songs nur noch Gähnen aus.

Die folgenden Jahre hing Tricky in New York und Los Angeles herum, amüsierte sich in Bars und machte nur gelegentlich Musik. Das hat dem früher oft grimmig daherkommenden Briten offenbar gut getan. Seine erste Platte seit fünf Jahren, die achte insgesamt, wirkt inspiriert und energiegeladen. Er hat wieder Lust: Der Opener „Puppy Toy“ ist ein schleppender Rumpel-Blues, vorgetragen mit überwältigendem Enthusiasmus. Trickys Duett-Partnerin Alex Mills singt fulminant, wie auch die restlichen Gastsängerinnen wieder Trickys Talent bei der Auswahl weiblicher Stimmen beweisen.

So betört Trickys französisch-marokkanische Ex-Freundin Lubna in „Past Mistake“, einem Trip-Hop-Stück reinster Bauart, wie es von Tricky schon lange nicht mehr zu hören war. Zeitlupenbeats, Streicher, Hall, Sehnsuchtsgesang – alles da. Der Fluch scheint verflogen, auch weil Tricky auf munteres Genre-Hopping setzt. Geschmeidig wechselt er von Dancehall zu Hip-Hop, Pop und Rock. Und Kylie Minogues „Slow“, die obligatorische Coverversion der Platte, zerrt er mittels eines knackigen E-Gitarren-Riffs und minimal asynchronem Duett-Gesang aus der aseptischen Sexyness in eine brodelnde Orgienstimmung.

„Knowle West Boy“ ist nach „Third“ von Portishead innerhalb weniger Monate das zweite beeindruckende Comeback aus der alten Bristol-Schule. Jetzt fehlt nur noch ein starkes neues Album von Massive Attack.

„Knowle West Boy“ (Domino) von Tricky erscheint am Freitag.

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