Kultur : Tristesse Royale

Abschied vom Lärm: Mit ihrem dritten Album wildern die Strokes im Pop

Kai Müller

„I like the town, cool town, man“, nölt Julian Casablancas ins Mikrofon. Es soll wohl ein Lob sein. Der 27-jährige Sänger umklammert das Mikrofon wie etwas, das ihm jederzeit entgleiten könnte. Und man denkt unweigerlich daran, dass Rockstars eine ähnlich prekäre Beziehung zu Frauen, Gespielinnen pflegen. Sie werden liebkost, umschlungen, beinahe erwürgt – und dann weggeworfen wie ein lästiger Gegenstand. Auch das Mikrofon in der Berliner Maria am Ostbahnhof, in der Casablancas Band The Strokes am Montagabend eine ihrer „Secret Shows“ gibt, erleidet dieses Schicksal. Aber warum soll man sich um ein Mikrofon Sorgen machen? Cool Town.

Dringender wäre es, über die Verfassung einer Band nachzudenken, die von der „Times“ einmal als „Zukunft des Rock“ angepriesen wurde und nun in London, Paris, Amsterdam, Stockholm und Berlin vor kleinem Publikum die Wirkung ihrer neuen Songs testet. Wie Scherenschnitte heben sich die Musiker auf der vernebelten Maria-Bühne vom Strahlennetz der Scheinwerfer ab. Das Licht fällt ihnen in den Rücken. Es macht die „hipste Band des Planeten“ („Q Magazine“) zu einem Schattentheater, dem die etwa 500 Gäste mehr gebannt als begeistert folgen.

Julian Casablancas schlendert leicht benommen und in der Uniform eines Liftboys durch den Kunstdunst und wirft seinen Kopf nach hinten, als er brüllt „I’m so cold, I’m so cold, I’m so cooooaald!“. Das ist als Liebeserklärung an seine Heimat gedacht. Doch zeigt sich eine alte Schwäche des New Yorker Quintetts, dessen Songschreiber Casablancas ist. Selbst einen so erlauchten Kreis wie in der Maria kann es nicht für den Richtungswechsel einnehmen, der mit dem am 30. Dezember erscheinenden Album „First Impressions on Earth“ (SonyBMG) vollzogen wird. In „Juicebox“, der Vorab-Single, manifestriert sich das Dilemma: Im Peter-Gunn- Stil donnert der Beat los, aus den Bassboxen kullern akustische Wackersteine, und in Windungen, die einem Gebirgspass zur Ehre gereichen, schraubt sich des Sängers Stimme zur Anhöhe des Refrains. Soviel Ambition reißt den Song fast auseinander. Zwar offenbart sich etwas von der ungestümen Verzweiflungskälte, deretwegen The Strokes als Retter des E-Gitarren-Evangeliums auserkoren wurden. Aber der Rest ist triste, scheppernd-überspannte Staffage. Wenn früher 15 Sekunden genügten, um einen Strokes-Song zu erkennen, so kennt man ihn jetzt oft nicht einmal nach dem Schlussakkord.

Die zweite Platte zu machen, heißt es, sei schwer. Vor allem, wenn man wie die Strokes quasi im Alleingang den Glauben an einen Rock’n’Roll wieder hergestellt hat, der aus Amerika kommt und trotzdem modern klingt. Doch nun zeigt sich, dass die dritte Platte noch schwerer ist. Die Strokes wollen raus aus dem Legendengefängnis, in das man sie nach ihrem furiosen Debüt „Is this it“ (2001) und dem begeisterungswürdigen Nachfolger „Room of Fire“ (2003) festhält. Auch haben sie die Grenze dessen, was für sie kommerziell möglich ist, mit weltweit drei Millionen verkauften Alben erreicht. Da ist es nur natürlich, dass nun der Ehrgeiz packt, das, was man ohnehin kann, die alten energischen Blutbahnriffs, nicht mehr so wichtig zu finden und stattdessen ins weite Feld des Pop auszubrechen.

So schwindet im Strokes-Universum die Suggestivkraft der Monotonie, durch die einfache Riffs wie Stromschläge zuckten. Wo noch vor zwei Jahren der Herzschlag eines Velvet-Underground-Beats genügte, soll sich nun ein veritables Drama ereignen. In „Visions Of Division“ wird Casablancas neue Leidenschaft für die Entwicklungsdynamik mit Nirvanas „Stay Away“ verschnitten und die eigene Verletzlichkeit zu einem grotesken Kulminationspunkt getrieben. Neben einer Ballade samt Cello-Zwischenspiel („Ask Me Anything“) sowie einer an Oasis erinnernden Power-Hymne („Razorblade“) fällt vor allem die lähmende Fixierung der Gruppe auf den Sänger auf. Wobei das Ausmaß der Entfremdung erschreckt. Entweder behindert die Band ihn, oder er macht den anderen Probleme.

So erging es auch Oasis. Deren drittes Werk „Be Here Now“ ist heute vergessen. Zu theatralisch, zu beflissen. Aber Oasis hatten immerhin ernst zu nehmende Rivalen wie Blur, über die sie triumphierten. Was haben die Strokes? Unter den Bands, die das Punkrock-Revival dieses Jahrzehnts tragen – The White Stripes, The Rapture, Yeah Yeah Yeahs –, entbrennt kein Erbfolgestreit. Nicht einmal Scharmützel sind zu vermelden. Mit „What Ever Happened?“ schrieb Casablancas vielmehr eine freundliche Antwort auf „Whatever Happened To My Rock’n’Roll“, eine Frage, die Black Rebel Motocycle Club aufgeworfen hatten. Darin lässt er seinem Frust über die Gesten der Härte, über das Standardgebaren der Rock-Afficionados und den „top ten ideas for countdown shows“ freien Lauf: „Whose culture is this and does anybody know?/ I wait an tell myself ,life ain’t chess’,/ But no one comes in and yes, you’re alone.“ Gut, das Leben ist kein Schachspiel. Aber was dann? Siebzehn und vier?

Der Song zählte noch vor kurzem zum Höhepunkt der Garagenrock-Welle. Doch er ist leer gespielt. Albert Hammond jr. und Nick Valensi schütteln im Klubkonzert die markanten Riffs routiniert aus den Gitarren, Bassist Nicolai Fraiture und Fabrizio Moretti am Schlagzeug begnügen sich, das Tempo zu halten, und Casablancas setzt alles daran, seinen Wunsch erfüllt zu sehen: „I want to be forgotten.“

Dabei hat die Band mit der Produktion des neuen Albums gerade einen enormen Kraftakt hinter sich. „First Impressions on Earth“ ist eine mutwillige Selbstdemontage. Die fünf Jungs, denen das Image verwöhnter Upper-Class-Kids anhaftet, geben ihren größten Trumpf preis: ihre Wut und die Dringlichkeit, mit der sie in Lärm verwandelt wird. Stattdessen schieben sich in „Heart In A Cage“ zwei Beats übereinander, so dass sich die Energie im Ungefähren verliert. Die Gitarren spucken hübsche Heavy-Metal-Ornamente aus, erstmals sind sogar Soli zu hören. Und Casablancas Organ mäandert durch verschattete Mittellagen, irgendeine versäumte Liebe beklagend. Das Lied ist eines der besten der Platte. Und es macht den Verlust an Zielstrebigkeit nur umso schmerzhafter bewusst. Es gibt nichts auf der Platte, was das kompensieren könnte.

Vielleicht musste es so kommen. Casablancas schreibt von jeher alle Songs mehr oder weniger alleine. Nun ergeht er sich in vernuscheltem Weltschmerz und pflegt Melodien mehr zu verschlingen, als zu singen. Manchmal gelingt ihm ein ergreifender Song. Meistens nicht. In „Razorblade“ heißt es: „Meine Gefühle sind wichtiger als deine.“

„First Impressions on Earth“ erscheint am 30. Dezember bei SonyBMG.

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