Kultur : Triumph des Mittelmaßes

War Hitlers Liebling ein deutscher Michelangelo? Arno Brekers Werke in der umstrittenen Schweriner Ausstellung

Michael Zajonz

Müde sieht er aus, müde und unendlich einsam. Den Toten näher als den Lebenden. Und dennoch voller Klugheit und Würde. Die Büste Max Liebermanns entstand 1934. Ein Jahr vor seinem Tod, ein Jahr, nachdem die Nazis den jüdischen Maler aus seinem Amt als Präsident der Preußischen Akademie der Künste verjagt hatten. Geschaffen hat sie, ebenso wie 1935 Liebermanns Totenmaske: Arno Breker. Breker, der Nazi-Künstler, dessen Name man nicht ausspricht, ohne den Zusatz mitzudenken: der Lieblingsbildhauer Adolf Hitlers.

Am Freitag wurde im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus die bereits seit Wochen umstrittene Ausstellung mit rund 70 Werken Brekers eröffnet. Gezeigt werden Arbeiten von Anfang der zwanziger Jahre, als Breker an der Düsseldorfer Akademie studiert hat, bis zu seinem Tod 1991. Es ist die erste Personalausstellung des Bildhauers nach 1945, die nicht in einer Galerie stattfindet, sondern mit öffentlichen Mitteln gefördert wird. Die Büste Liebermanns, die dort zu sehen ist, rührt noch immer an. Ihren Schöpfer rehabilitiert sie nicht.

Denn selbst eine solch gelungene Skulptur führt ins Zentrum dessen, was die Kritiker der Schweriner Ausstellung umtreibt: die alte Frage von Ethik und Ästhetik, von Kunst und Moral. Kann ein in das NS-Regime dermaßen Verstrickter wie Breker noch als Künstler wahrgenommen werden? Und wenn ja: Lässt sich aus seiner Lebensgeschichte etwas lernen über die Instrumentalisierung der Kunst in einem verbrecherischen Staat? Oder ist die Gefahr größer, dass Brekers Bildwerke dem ein oder anderen doch gefallen könnten?

Ob man Breker aus der Versenkung ins Museum holen darf, darüber wird seit den siebziger Jahren gestritten: mit unverändert unversöhnlichen Standpunkten. Einer besteht darin, seinen Skulpturen jeden Kunstcharakter abzusprechen – verständlich nur als Reaktion auf eine militant konservative Anhängerschaft, die Breker als das Bildhauergenie des 20. Jahrhunderts verherrlicht. Seriöse Überblicksausstellungen zur Nazi-Kunst, so 1974 in Frankfurt und 1983 in Berlin, begnügten sich damit, Brekers Schaffen durch Fotos zu dokumentieren. Erst die 2001 vom Henry-Moore-Institute in Leeds konzipierte und anschließend in Berlin und Bremen gezeigte Ausstellung „Taking Positions“ machte einer breiteren Öffentlichkeit Originale Brekers zugänglich – und zeigte sie zusammen mit neun weiteren, bis heute geachteten Zeitgenossen wie Georg Kolbe oder Gerhard Marcks.

Die Schweriner Ausstellung markiert also eine Zäsur. Erstmals erhoben sich in den letzten Wochen gewichtige Stimmen, die die beabsichtigte historisch-kritische Beschäftigung mit Breker gutheißen. Etwa Günter Grass, der mit den Ausstellungsmachern glaubt, „dass das zu erwartende Publikum im demokratischen Sinn erwachsen genug ist“. Auch während der Ausstellungseröffnung mit der Witwe Charlotte Breker und Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister Hans-Robert Metelmann blieb es erstaunlich ruhig. Kaum Protest – mit Ausnahme des mit Zornparolen beschriebenen T-Shirts eines Besuchers und der vorm Museumseingang ausgebreiteten „Blutkörperdrucken“ der Schweriner Malerin Ute Lanx. Wie sich die Zeiten ändern: Als die Eröffnung einer privaten Breker-Ausstellung in Berlin 1981 im Proteststurm unterging, standen sich 400 Demonstranten und 800 Polizisten gegenüber. In Schwerin rechnete man von Anfang an mit Besuchern, nicht mit Demonstranten.

Rudolf Conrades, ehemaliger Leiter des Schleswig-Holstein-Hauses und Kurator der Ausstellung, erhielt Brekers Skulpturen aus einer einzigen Quelle: von der Witwe und den Kindern Brekers. An den ebenfalls von der Familie gehüteten schriftlichen Nachlass durften er und die Katalog-Autoren indes nicht heran – außer Rainer Hackel, einem Bekannten der Familie, der erwartungsgemäß den einzigen Breker entlastenden Katalogbeitrag geschrieben hat. Die Witwe erklärt nun in der „Welt am Sonntag“, dass sie den Nachlass auch weiterhin unter Verschluss halten wird.

Die ausgestellten Skulpturen und Reliefs sprechen auch ohne das ansonsten kritische Begleitbuch eine eindeutige Sprache. Breker war weder der miese Bildhauer, für den ihn Jean Tinguely hielt, noch der deutsche Michelangelo, zu dem ihn der greise Aristide Maillol verklärte: Er war mittelmäßig. Das Bild, das sich in Schwerin ergibt, zeigt Breker nicht nur als machtbesessenen Opportunisten, der noch während der letzten Kriegsjahre ein Luxusleben führen konnte und sich zugleich bei Hitler, Himmler und Speer für politisch Verfolgte einsetzte, sondern auch als stilistisches Chamäleon.

Zeitlebens war er sowohl von der klassisch griechischen Antike und den Werken Michelangelos wie von der französischen Bildhauerschule Rodins und Maillols fasziniert. Das ließ den selbst ernannten „Propheten des Schönen“ auch vor Beinahe-Plagiaten nicht zurückschrecken. Noch im blankziehenden Muskelmann mit dem Titel „Bereitschaft“, der als elf Meter hohe Kolossalfigur auf 45 Meter hoher Säule den heutigen TheodorHeuss-Platz in Charlottenburg beherrschen sollte und in der Ausstellung durch eine kleine Statuette und eine Kopfstudie repräsentiert wird, ist Michelangelos „David“ allgegenwärtig. Wenn auch mit grotesk gespannten Gesichtszügen und Muskelsträngen.

Es ist dieser brachiale Bildhauer-Klassizismus, den Breker und sein Erzrivale Joseph Thorak für Hitlers architektonische Germania-Fantasien entwickelt haben, der das Bild der Nazi-Kunst bis heute bestimmt. Doch selbst in der Neuen Reichskanzlei, für dessen Ehrenhof Breker die – 1945 zerstörten – Skulpturen „Fackelträger“ und „Schwertträger“ schuf, standen harmlosere Breker-Werke. Der „Wager“ und der „Wäger“, in der Ausstellung durch Bronzeabgüsse in Originalgröße vertreten, erzählen mit klassischen Mitteln ein klassisches Thema: vita activa und vita contemplativa, angelehnt an zwei Inkunablen der griechischen Skulptur, den Ares Borghese und den Apoll von Belvedere. Stünden die beiden in einem Stadtpark – kein Hahn würde nach ihnen krähen.

Zwischen 1927 und 1932 hat Breker in Paris gelebt. Damals galt er, der Kosmopolit, als Hoffnungsträger der jungen deutschen Bildhauer. 1942 kehrte Breker mit einer großen Ausstellung, der einzigen Einzelpräsentation eines deutschen Künstlers im besetzten Europa, nach Paris zurück. 80 000 Besucher kamen in die Orangerie des Louvre; die französische Presse sah in Breker keinen „deutschen“ Bildhauer, sondern einen Adepten der französischen Tradition. Breker, der lebenslange Freund Jean Cocteaus, war eine Schlüsselfigur der Kollaboration geworden. Im Entnazifizierungsverfahren 1948 wurde er als „Mitläufer“ eingestuft.

Breker, der nach 1945 vergeblich nach Rechtfertigung gesucht hat und dennoch Prominente von Konrad Adenauer bis Gloria von Thurn und Taxis porträtierte, war weniger verstrickt als sein Freund Albert Speer. Er war ein zutiefst vom Erfolg korrumpierter, der Nazi-Ideologie dienender Künstler. Die historisch-kritische Korrektur von Speers Lebenslügen hat Jahrzehnte gedauert. Auch Arno Brekers Bild wird sich differenzieren, sobald sein Nachlass zugänglich sein wird. Die Ausstellung in Schwerin ist ein zaghafter Anfang.

Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, bis 22. Oktober. Katalog 14,85 Euro.

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