Kultur : Triumph des Wirkungswillens

CHRISTINA TILMANN

Mit 21 war sie Solotänzerin, mit 24 Filmstar, mit 29 Regisseurin, mit 34 Jahren auf der Höhe des Ruhms.Die "Traumfrau einer Leistungsgesellschaft" kannte Gott und die Welt in der Hierarchie der Nazi-Diktatur, war Teil von ihr.Sie war als erste Frau in der Filmindustrie erfolgreich, und das mit Filmen, die formal so kühn waren, daß sie bis heute imponieren.Als 50jährige lebte sie im Sudan mit Nuba-Stämmen zusammen.Lernte mit 70 noch tauchen.Und ist mit 96 immer noch aktiv.Susan Sontag zollte ihr kritisch Respekt, Madonna plante eine Fernsehserie über sie, Johann Kresnik machte sie zur Protagonistin eines Abends, die Rock-Band Rammstein nutzt ihre Filme zur Bebilderung ihrer Musik.Als das Time-Magazin dieses Jahr seinen 125.Geburtstag feierte und dazu alle einlud, die jemals ein Titelblatt gecovert hatten, saß sie mit Claudia Schiffer am Tisch von Bill Clinton und genoß die Ehrung.Leni Riefenstahl ist eine Legende.Einerseits.

Andererseits: Seit 1938 war keiner ihrer Filme mehr erfolgreich, nur einer, "Tiefland", kam noch in die deutschen Kinos und war ein Flop.Nach 1945 wurde sie von den Alliierten verhaftet.Zwangsunterbringungen in einer Nervenheilanstalt und mehrere Entnazifizierungsverfahren folgten.Bis heute stehen ihre Werke als Propagandafilme auf dem Index und dürfen nur mit erläuternder Einführung gezeigt werden.In der einen deutschen Republik war sie vergessen, in der anderen ist sie bis heute hoch umstritten.Fünfzig Jahre Unperson für fünf Jahre Ruhm: Der Preis ist hoch, den die Regisseurin dafür zahlte, für eine kurzen Zeit Hitlers Starregisseurin gewesen zu sein.

Woran liegt es, daß gegen Leni Riefenstahl heute noch die Kritiker auf die Barrikaden steigen? So geschehen, als 1997 in Leipzig eine Riefenstahl-Retrospektive gezeigt werden sollte.Und wieder, als vor einem Jahr in Hamburg ihre späten Nuba-Fotos erstmals zum Verkauf standen.Liegt es daran, daß die Regisseurin bis ins Alter uneinsichtig darauf beharrt, immer nur Künstlerin auf der Suche nach Schönheit, niemals Propagandistin gewesen zu sein? Oder war Riefenstahl einfach zu gut, sind ihre Filme auch in ihrer ästhetischen Stilisierung auch heute noch allzu verführerisch, um sie unkommentiert zur Vorführung freizugeben?

Das Filmmuseum Potsdam, dessen Schwerpunkte "Filmen in Zeiten der Diktatur" und "Starke Frauengestalten im Film" sich in der Person Leni Riefenstahls prototypisch überschneiden, möchte mit seiner Ausstellung eben diesem Bilder- und Diskussionsverbot begegnen und Leben und Werk der Regisseurin möglichst unvoreingenommen zur Diskussion stellen: erstmals in Deutschland.Das verminte Gelände betritt die Ausstellung daher mit dem Schutzschild größtmöglicher Nüchternheit.Nüchternheit, das heißt: keine Verurteilung, keine Bewunderung, keine Kommentare.Biographische Fakten, Bilder, Dokumente und Briefe bestimmen die Schau.In der vergrößerten Ausstellungshalle im Erdgeschoß des Potsdamer Marstalls werden in fünf Räumen Schwerpunkte des Lebens der Regisseurin gebündelt: Der "Werk-Raum" zeigt mit "Das blaue Licht", "Triumph des Willens", "Olympia" und "Tiefland" die wichtigsten Filme der Regisseurin - zwar nur auf kleinen Monitoren, dafür aber in voller Länge.Eine umfassende Filmreihe begleitet die Ausstellung.Es folgt im "Nuba-Raum" eine Auswahl von Riefenstahls großformatigen Fotografien des sudanesischen Volksstammes.Der "Dia-Raum" widmet sich Riefenstahls langjähriger Passion, der Unterwasserfotografie.

Im "Lese-Raum" schließlich findet sich der brisanteste Aspekt von Riefenstahls Karriere, ihre Rezeption in der Öffentlichkeit.Hier endlich kommen die kritischen Stimmen, Vorbehalte, aber auch Bewunderung und Hochachtung zu Wort, und zwar in unerwarteter Verteilung: Jean Cocteau und Albert Speer bekunden Riefenstahl ihre Hochachtung, Fassbinder bittet sie, bei "Querelle" zu fotografieren.George Tabori sieht "Triumph des Willens" in einer Diskussion fast als "Anti-Nazi-Film", während René Clair in den 60er Jahren die verführerische Wirkung von Riefenstahls Filmen auf das amerikanische Publikum betont.

Die Regisseurin selbst hat ihren Besuch der Ausstellung abgesagt.Einen "Drahtseilakt" nennt Bärbel Dalichow, als Leiterin des Filmmuseums für die Konzeption der Ausstellung verantwortlich, den Versuch, dem Archiv der streitbaren 96jährigen Material für eine kritische Ausstellung zu entlocken.Das Vorhaben, das ein Höchstmaß an Diplomatie und Geduld erforderte, konnte wohl nur gelingen, weil die gekränkte, reizbare Regisseurin die Hoffnung nicht aufgeben mochte, am Ende ihres Lebens doch noch rehabilitiert zu werden."Sie erwartete immer, wir machten eine Hommage", hatte der Regisseur Ray Müller, der 1993 einen Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl drehte, in einer ähnlichen Situation das ambivalente Verhältnis beschrieben.Riefenstahls medienwirksame Absage zeugt noch einmal von den Empfindlichkeiten, die sich im Laufe eines so langen Lebens eingegraben haben.

Ausstellungseröffnung Donnerstag 20 Uhr; bis 28.Februar, dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.Katalog 39,80 DM

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