Trump und Ich (4) : Amerika liest wieder mehr Zeitung

Amerika unter Donald Trump? In loser Folge berichtet unsere New Yorker Autorin aus ihrem Alltag mit dem neuen Präsidenten. Diesmal geht es um das Lesen.

Marcia Pally
Sie warnten - und wurden überhört. Eine Coverauswahl einschlägiger US-amerikanischer Printmedien von vor der Wahl.
Sie warnten - und wurden überhört. Eine Coverauswahl einschlägiger US-amerikanischer Printmedien von vor der Wahl.Foto: dpa

Ray, ein evangelischer Pfarrer und Freund, ein eher zurückhaltender Mensch, rief mich an. Ray ruft an? Ray lebt im Süden. Ray schreibt E-Mails. Zum ersten Mal also rief er mich an. Er sagte, ich müsse den Artikel von David Frum in „The Atlantic“ lesen. „The Atlantic“? Ray liest „Christentum heute“ und das christliche „Commonweal Magazine“. Irgendetwas ist im Gange.

Und dann sagte ein anderer Freund gestern, alle Augen seien jetzt auf Deutschland gerichtet, um die Demokratie zu bewahren. Als ich jünger war, gab es diesen feministischen Witz: „Ich bin der Mann geworden, den ich immer als Ehemann haben wollte.“ Deutschland, du bist das Land geworden, wie du Amerika haben wolltest. Ich weiß, die AfD. Ich weiß, ich weiß. Aber da ist es.

Frum beschreibt in seinem Artikel detailliert, wie die USA unter Trump zu einer Autokratie werden könnten. „The Atlantic“ ist ein sonst eher leises Blatt. Frum erklärt, wie ein langsamer Prozess der „Regelverdrehung, der Manipulation von Informationen und des Einspannens der Eliten“ die Kontrollen, die Rechtsstaatlichkeit, die freie Presse, kurz die Demokratie untergraben kann. Besonders geht es dabei um die Instrumentalisierung der Republikaner im Kongress, die von Trump abhängen, wenn sie Dinge durchsetzen wollen, die zuvor am Veto des Präsidenten gescheitert sind.

"Die Sturmtruppen sind online"

Frum ist ein konservativer Republikaner, ein ehemaliger Redenschreiber von George W. Bush. Er schreibt: „Trump ist bereit, Geschäft und Regierung unverschämt bis zu einem Grad zu vermischen, der eher an einen Führer in einer postsowjetischen Republik erinnert.“ Er beschreibt die Werkzeuge, die Trump benutzt, um vor allem sich und seine Klientel zu bereichern. Was dann manchmal auch, bei den Staatsausgaben, den Armen und Machtlosen zugutekommt. Trump wird „finanzielle Zuwendungen von persönlicher Gunst abhängig machen“.

Frum schreibt von einer Trump-Lawine, die die demokratische Opposition unter sich begräbt. Wer hält bei diesem Tempo dagegen?

„Man braucht keine Braunhemden auf der Straße, um Schrecken zu verbreiten und die Oberhand zu gewinnen. Die Sturmtruppen sind online, dort läuft der wichtige Verkehr.“ Frum bezieht sich in seinem Artikel nicht auf Hitler. Aber Ray, mein sonst so vorsichtiger Freund, tut das jetzt.

Schauen wir, wer jetzt welche Zeitungen abonniert. Vielleicht ist das die gute Nachricht in Trump-Zeiten: Amerika informiert sich besser.

Marcia Pally lehrt Multilingual Multicultural Studies an der New York University. Bisher erschienen: „Ich würde lieber über Möhrensauce reden“, „Da hilft nur noch beten“, „Die Mexikaner werden für diese Protestschilder bezahlen“. Übersetzung: Rüdiger Schaper

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