Tschechische Philharmonie : Wie ein Märchen aus alten Tagen

Es gibt Orchester, die klingen so wie die Stadt, in der sie beheimatet sind. Beim Gastspiel der Tschechischen Philharmonie Prag in der Berliner Philharmonie lässt sich diese Theorie mit eigenen Ohren überprüfen..

Frederik Hanssen
Spielte Griegs Klavierkonzert mit der Tschechischen Philharmonie: Alice Sara Ott Foto: Haase/DG
Spielte Griegs Klavierkonzert mit der Tschechischen Philharmonie: Alice Sara OttFoto: Haase/DG

Prag bei Nacht? Da tauchen vor dem inneren Auge sofort barocke Fassaden auf, enge Gassen, getaucht in gelbliches Laternenlicht. Genau so hört sich die Tschechische Philharmonie an: sehr dicht der Streichersound, dazu völlig kantenlos, kompakt auch die Bläser. Die Musiker spielen mit Emotion und Emphase, dennoch bleiben selbst Akkorde in voller Orchesterstärke erstaunlich weich. Der 29 Jahre junge Pole Krzysztof Urbanski, der die Prager am Mittwoch beim Berlin-Gastspiel dirigiert, geht sensibel auf diesen nostalgischen Elfenbeinturm-Tonfall ein. Während er mit der Rechten das Geschehen schlagtechnisch souverän koordiniert, zeichnet seine linke Ausdrucks-Hand immer wieder weiche Konturen in die Luft. Ein smarter Melodie-Modellierer bei der Arbeit, allerliebst anzusehen. Gemeinsam gelingt so eine ideale Wiedergabe von Antonin Dvoraks siebter Sinfonie, stilistisch unglaublich geschlossen, über alles dramatische Auf und Ab hinweg getaucht in warmen Wohlfühlklang. Als lauschte man einem Märchen aus lange vergangenen Zeiten. Ein verwirrender Effekt im nüchternen Ambiente der Philharmonie. Zu schön, um wahr zu sein. 

Zuvorkommende, ebenso aufmerksame wie höfliche Begleiter sind die Tschechen der Solistin Alice Sara Ott in Griegs Klavierkonzert. Das passt zum optischen Eindruck, sitzen doch auf der Podium vor allem Kavaliere alter Schule. Der Pianistin gelingt eine stringente, kitschfreie Interpretation des Wunschkonzerthits, weil sie genügend Pranke hat für die wuchtigen Passagen, aber auch durch perlendes Spiel berücken kann. Wenn es allerdings um vorausschauende Interpretation geht, hat die 24-Jährige allerdings noch Entwicklungspotenzial. Zu oft lässt sie die gerade erst aufgebaute Energie zum Phrasenende gleich wieder entweichen - so wie ein unsicherer Sprecher, der zum Satzende die Stimme sinken lässt.

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