Über den Germanisten Richard M. Meyer : Brücken über die Spree

Germanistik fürs gebildete Publikum: Ein neuer Band mit Texten von und über den Wissenschaftler und Mäzen Richard M. Meyer.

David Oels

Man stelle sich vor: Ein Millionenerbe interessiert sich nicht für italienische Sportwagen, erwirbt keinen englischen Fußballverein, umsegelt nicht die Erde und möchte auch nicht in den Weltraum fliegen, sondern verwendet sein Vermögen für die Förderung von Wissenschaften und Künsten. Und das nicht nur als Mäzen von Schriftstellern, Philosophen und bildenden Künstlern, sondern höchstselbst als Wissenschaftler und Autor. In der Tat ist dies keine Geschichte aus unseren Tagen, sondern aus dem späten 19. Jahrhundert. Richard Moritz Meyer (1860-1914), Spross der mächtigen Berliner Bankiersfamilie E. J. Meyer, lehrte nach der Habilitation über Swift und Lichtenberg ab 1886 als Germanist an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

Der mehrfache Reichsmark-Millionär arbeitete zum „mittelhochdeutschen Strophenbau“ und zur „altgermanischen Religionsgeschichte“, schrieb eine Goethe- und eine Nietzsche-Biografie und widmete sich als Rezensent ebenso wie als „Litterarhistoriker“ auch der allerneuesten Literatur seiner Zeit von Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann bis zu Ricarda Huch und Hugo von Hofmannsthal.

Meyers pünktlich zur Jahrhundertwende erschienene „Deutsche Litteratur des Neunzehnten Jahrhunderts“ und sein frühes Eintreten für Stefan George sind in ihrer literatur- und wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung nicht vergessen. Doch verdankt sich ein jetzt publizierter Band mit Texten von und über Meyer wiederum seiner familiären Herkunft. Aus der Hamburger Niederlassung des Berliner Unternehmens ging 1956 das Bankhaus Wölbern & Co. hervor, dessen Stiftung nun an den Enkel des einstmaligen Gründers erinnert.

Zentraler Beitrag ist ein kundiger Aufsatz von Roland Berbig, der Meyers wechselvolles Verhältnis zur Berliner Universität deutet. Lehrte Meyer rund dreißig Jahre in Berlin und wären seine biografischen und literaturgeschichtlichen Arbeiten ohne die Autorität des Universitätsgelehrten nicht denkbar gewesen, so wurde ihm die nach eigener Einschätzung zustehende Anerkennung dennoch nicht zu teil. Den dringend gewünschten Lehrstuhl erhielt er zu seinem Verdruss ebenso wenig wie er Mitglied der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften wurde. Immerhin ein „mühsam durchgesetztes“ Extraordinariat und den damit verbundenen Professoren-Titel verlieh man ihm 1901.

Wenn auch schon seinerzeit keinesfalls jeder qualifizierte Gelehrte ein Ordinariat erhielt, dürften im Falle Meyers spezifische Gründe hinzugekommen sein. Zum einen galt, dass ein Jude nicht die dem nationalen Selbstverständnis dienende deutsche Literatur vertreten könne. Und die Konversion, die eine Berufung erleichtert, das antisemitische Ressentiment jedoch kaum hätte verstummen lassen, lehnte Meyer stets ab. Zum anderen orientierte sich Meyer am großen, außerakademischen Publikum und dies nicht nur aus Geltungsbedürfnis. Schon 1894 plädierte Meyer in einem Aufsatz über Betrieb und Organisation der wissenschaftlichen Arbeit, „nachdrücklich für eine Auf- und Verwertung der allgemeinen Bildung und für den Brückenschlag zwischen Universität und gebildetem Publikum.“

Einerseits ging es ihm um potenzielle „Abnehmer der populär-wissenschaftlichen Literatur, Hörer öffentlicher Vorträge usw.“, kurz: um den Markt kultureller Aufmerksamkeit, mit dessen Hilfe Wissenschaft alimentiert wurde und wird. Andererseits, und dies dürfte auch heutiger Literaturwissenschaft nicht eben geläufig sein, sah er überhaupt die Hauptaufgabe der Germanistik in der ordnenden Vermittlung neuerer und älterer Literatur. Darüber hinaus hielt er die „Verbindung mit dem Publikum“ gar für „schlechterdings unentbehrlich“, um der wissenschaftlichen Arbeit „neue Elemente“ zuzuführen.

Leider erfährt man in den übrigen Texten von Meyers Vermittlungstätigkeit in Literaturkritik und Feuilleton wenig. So finden sich zwar einige lesenswerte wissenschaftliche Aufsätze Meyers und eine Polemik zur Verteidigung der „litterarhistorischen“ Zunft, jedoch keine Rezensionen. Dabei dürfte es nicht zuletzt die Kritik im Zwischenbereich von Wissenschaft und Tagesjournalismus gewesen sein, die Meyer in unmittelbaren Kontakt mit den Dichtern seiner Zeit brachte.

George verfasste eigens ein Widmungsgedicht für Meyer, und Hofmannsthal sandte 1911, ebenfalls mit persönlicher Widmung, die Erstausgabe seiner Gedichte und kleinen Dramen. Hinzu kam ein Jour fixe am Donnerstagnachmittag, als sich im geerbten großbürgerlichen Stadtpalais an der Voßstraße alles traf, „was in Berlin gerade an Kunst vorhanden oder auf der Durchreise war.“

Waren den Zeitgenossen – und nicht nur den akademischen – Meyers Publikationen gelegentlich etwas zu laut, ja vorlaut, übte er die eigentlich mäzenatische Förderung in der „nobelsten, diskretesten Form“. Niels Fiebig schildert einfühlsam, wie Friedrich Nietzsche und Ricarda Huch Zuwendungen erhielten und das Künstlerpaar Sabine und Reinhold Lepsius ebenso großzügige Aufträge wie der Verleger Georg Bondi. Eine Ausnahme stellte die öffentliche Verehrung seines akademischen Lehrers Wilhelm Scherer dar, dem Meyer mit einer der Berliner Universität gestifteten Büste huldigte, einem Scherer-Stipendium für jüdische Studierende und vor allem mit dem Scherer-Preis für eine herausragende germanistische Arbeit. Die Auszeichnung konnte nur drei Mal verliehen werden. 1923 verlor die zugehörige Scherer-Stiftung ihr Kapital in der Inflation. Mitte der zwanziger Jahre veräußerte Meyers Sohn die Bibliothek des Vaters. Und 1937 musste das mittlerweile zwangsweise verkaufte Haus an der Voßstraße Hitlers Neuer Reichskanzlei weichen. Doch nun beginnt ein neues Kapitel: Nach 73 Jahren wurde der Scherer-Preis dieses Jahr erstmals wieder verliehen.

Nils Fiebig, Friederike Waldmann (Hg.):

Richard M. Meyer – Germanist zwischen Goethe, Nietzsche und George.

Wallstein Verlag,

Göttingen 2010.

342 Seiten, 24,90 €.

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