Kultur : Über den Wolken

Martin Schwickert

Ein Schrei hallt durch die bosnische Berglandschaft. Die Kamera umkreist den Mann auf dem Gipfel, schraubt sich langsam im Helikopterflug hoch und lässt ihn allein im Gebirge und im Universum zurück. Ein Amerikaner "out of area" - einsam und von der Welt verlassen.

Eigentlich sollte der US-Kampfpilot Chris Burnett (Owen Wilson) in Bosnien-Herzegowina nur ein bisschen Frieden sichern. Die Beobachtungsflüge im schicken F/A-18-Jet begannen ihn schon zu langweilen. Das Kreisen über vorgeschriebenen Lufträumen und dieser unverständliche Krieg zwischen europäischen Kleinstaaten - das ist hartes Brot für amerikanische Düsenjägerpiloten. Burnett will kündigen. Schließlich hat er bei der Navy angeheuert, um zu kämpfen und nicht, um als Weltpolizist in einem abgelegenen Revier auf Streife zu gehen. Selbst Flugzeugträgerkommandant Reigart (Gene Hackman) kann dem Jungen bei der Bewältigung seiner Sinnkrise nicht behilflich sein. Nato-Vorschriften sind Nato-Vorschriften. Doch dann - piff-paff - wird Burnett von serbischen Militärs abgeschossen.

Abseits der Route hatte er unerlaubte Truppenbewegungen und ein Massengrab fotografiert. Eine Boden-Luft-Rakete bringt sein Flugzeug zur Strecke. Der verletzte Kopilot wird von Freischärlern durch einen Kopfschuss getötet. Burnett muss sich zur nächsten UNO-Schutzzone durchschlagen. Auf seiner Reise durchs Feindesland reift der Zweifler zum Helden - und löst auch seine soldatische Identitätskrise.

Als Mitarbeiter der Bush-Regierung und Studiobosse nach dem Anschlag auf das World Trade Center über Hollywoods Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus berieten, hatten sie wohl Projekte wie diese im Sinn. Geradlinige Politikvermittlung für bevorstehende Auslandseinsätze. Bildgewaltige Schützenhilfe. Natürlich wurde "Im Fadenkreuz" lange vor den Ereignissen des 11. September gedreht - und zeigt eindrücklich einfältig, dass man auch ohne regierungsamtliche "Arts and Entertainment Task Force" auf die Synergieeffekte zwischen Pentagon und Hollywood bauen kann.

Das Kino-Debüt des Werbefilmers John Moore ist dem neuen Zeitgeist voraus. Mit seiner Rechtfertigungsdramaturgie hinkt es ihm aber auch ein wenig hinterher. Schließlich muss man heute keinem Amerikaner mehr erklären, warum ihre Jungs in weit entfernte Kriege geschickt werden. Mit fast schon naiver Unzweideutigkeit werben die Abenteuer des Soldaten Burnett für das militärische Engagement im Balkan. Dafür muss der arme Kerl sogar durch ein verschlammtes Massengrab robben, und unzählige Nebendarsteller werden dazu angehalten, serbisch finster dreinzublicken.

Mit Owen Wilson hat man einen konsensfähigen Sympathieträger unter Vertrag genommen. Der Mann mit der interessant verformten Nase kommt aus dem Komödienfach - und wirkt dort allerdings deutlich überzeugender als im Navy-Kampfanzug. Gene Hackman ist da professioneller. Mit bierernster Mine schickt er Wilson patriotische Aufbaubotschaften über den Äther. Im Feindesland gibt es übrigens auch gute Menschen - junge muslimische Bosnier etwa, die den verirrten US-Soldaten auflesen. Der eine hat eine Elvis-Tolle. Der andere trägt ein Ice-Cube-T-Shirt. Und alle trinken Coca Cola.

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