Kultur : Über die Schwierigkeit, gute und schlechte Filme zu unterscheiden

Harald Martenstein

Die Welt birgt geheimnisvolle Zusammenhänge. Beweis: Während bei der Berlinale ein dreistündiger Film läuft, in dem es Frösche vom Himmel regnet, breitet sich in England der Froschwahnsinn aus. Somit darf endgültig als bewiesen gelten, dass England alle Sorten von Lebewesen den Verstand verlieren lässt, beileibe nicht nur die Kühe. "In England", schreibt eine große deutsche Tageszeitung namens "Bild", "versuchen sich Frösche mit Gummistiefeln, Gartenzwergen und Goldfischen zu paaren." Sogar ein Annäherungsversuch an eine Ringelnatter wurde beobachtet. Aber wir kommen vom Thema ab.

Was ist ein guter Film? Oder ein schlechter? Oho, das zu entscheiden, ist gar nicht mehr so leicht. Früher gab es Kriterien, eine regelrechte Poetik des Films, Kracauer und all das. Es gab Gurus, die einem sagten, wie ein Film gefälligst zu sein hat. Dann kam eine Zeit, in der es auf den politischen Inhalt des Filmes ankam. Auch vorbei. Mal schauen, nach welchen Kriterien wir heute urteilen!

"Es bleiben einem zu wenig Bilder im Kopf." ("Bild" über den "Talentierten Mr. Ripley".) "Statt kolorierter Postkarten zeigt er Bilder mit Brüchen und Rissen." (Die "Frankfurter Rundschau" über "Tropfen auf heiße Steine".) "Der Film nervt vor allem, weil er den Geist des Publikums zu treffen scheint." (Die "taz" über "Ausweitung der Kampfzone".) "Hier wird einem nichts erklärt, aber glücklich macht das auch nicht." (Die "Berliner Zeitung" über "The Making of a new empire".) "Will man nicht sehen." (Die "Frankfurter Allgemeine" über einen Film, dessen Titel leider weder in der Überschrift noch im Text genannt wird.)

Von einem guten Film bleiben einem Bilder mit Brüchen und Rissen im Kopf. Es wird einem ein bisschen was erklärt. Aber den Geist des Publikums trifft ein guter Film nicht - auf keinen Fall! Die Filmkritik hat sich darauf geeinigt, dass ein guter Film dem Kritiker zwar durchaus Vergnügen bereiten, ihn sogar glücklich machen darf, aber keinesfalls das Gefühl vermitteln sollte, er könne allen gefallen.

Das mit den Fröschen hängt mit dem Winterschlaf zusammen. Die englischen Froschmännchen sind aus dem Winterschlaf erwacht, putzmunter, kontaktfreudig und topfit, aber sämtliche Weibchen schlafen noch. Das Phänomen der Ungleichzeitigkeit, darüber gibt es zahlreiche Abhandlungen. Die Gartenzwerge dagegen sind wach. Frösche und Zwerge! Das sind Bilder, die einem im Kopf bleiben.Aus der Serie "50 Verweht"

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