Kultur : "Über-Empfindlichkeit": Scheu vor Geranienblüten

Gabriele Schmelz

Es gibt Menschen, die mögen kein Gelb. Oder Rot oder Grün. Sie mögen keine Katzen, finden das Häutchen auf der Milch widerlich, und verabscheuen Geranien. Das Quietschen von Kreide auf der Schiefertafel lässt manchen die Haare zu Berge stehen, wenn sie Erdbeeren essen, bekommen sie einen Hautausschlag. Oder ein bestimmtes Wort macht sie rasend: Idiosynkrasien sind individuelle, überempflindliche Abneigungen und Neigungen gegenüber bestimmten Dingen. Sie scheinen meist unerklärlich.

Silvia Bovenschen spricht in ihrer Studie dieses Phänomens selten von Über-Empfindlichkeit. Sie versucht, die Idiosynkrasie, dieses "Begriffs-Chamäleon", zu deuten, das eine umfassendere Reaktion meint als die Über-Empfindlichkeit. Unter Idiosynkrasie, das aus dem Griechischen kommt, und meist vage übersetzt wird als "eigene, eigentümliche Mischung" wurde zunächst eine angeborene körperliche Abscheu oder Hinwendung verstanden, die sogar Allergien verursachen kann. Später kam die Vorstellung hinzu, dass Idiosynkrasien emotionale Reaktionen auf äußere Reize seien, vom Nervensystem gesteuert, wirken sie auf das Verhalten der Menschen.

Bei einem idiosynkratischen "Anfall" reagieren wir spontan und unwillkürlich auf Wahrgenommenes. Der Dichter Paul Valery schilderte einen solchen Moment: "Das fängt an und hört wieder auf. Das ist nicht immer. Das weicht ab von einer Art mittlerer Gangart und durchläuft mich, setzt alles auf einmal in Bewegung". Wir sind vom Wahrgenommenen nicht paralysiert, aber wir sind irritiert, ohne den Grund der Irritation zu kennen.

Er hasst den Geruch von Basilikum

Für Paul Valery ist eine idiosynkratische Reaktion nicht nur ein flüchtiger Augenblick: "Ich hasse das Gurren der Turteltauben in der Morgenluft, wie ich als Kind den Geruch des Basilikums haßte und ihn auch nach sechzig Jahren nicht ertrüge... Diese Empfindungen sind mir widerwärtig, sie stören in mir düstere Traurigkeit wieder auf und haben eine panische Macht über mich, die mir die Seele verstört. Sie sind unter ganz verschiedenen Umständen entstanden, zu ganz verschiedenen Lebenszeiten."

Unsere eigentümlichen, oft bizarren Idiosynkrasien unterscheiden uns von anderen Menschen. Gleichwohl sind sie bestimmt von historischen, kulturellen und alltäglichen Erfahrungen; sie sind, wie Adorno sagt, "Sedimente kollektiver Reaktionsweisen". Es können ein Leben lang dieselben sein oder sie verändern sich, abhängig von wechselnden Sehweisen, vom jeweiligen Geschmack - wobei der Geschmack die Idiosynkrasien bedingt, und die Idiosynkrasien den Geschmack prägen. Selbst wenn sie keine unmittelbar erlebten, sondern eher antrainierte sind, können Idiosynkrasien zu Vorurteilen von politischer Brisanz werden.

Wenn Ekel politisch wird

Sie können in Hass umschlagen, nur weil man einen anderen oder eine ganze Gruppe "nicht riechen" kann oder andere Essgewohnheiten verpönt. Silvia Bovenschen hat nicht nur eine marginale Erscheinung, einen "spleen" untersucht. Der Spießer wird sich hüten, seinen Idiosynkrasien allzu viel Macht über sich einzuräumen, womöglich häufig wechselnde Empfindlichkeiten zuzulassen. Idiosynkrasien sind ihm willkommen, solange sie ihn in seinen Gewißheiten bestätigen, ihn aber ansonsten unbeirrt lassen. Der Exzentriker, mit all seinen "spleens, lebt seine flüchtigen und einander vielleicht widersprechenden Empfindlichkeiten. "Seine Treue zu sich selbst ist seine Treue zur Nuance." Oscar Wilde, der Dandy und Ästhet, soll auf seinem Sterbebett, in einem ärmlichen Pariser Zimmer, angesichts einer geschmacklosen Tapete gesagt haben: "Entweder diese Tapete muss verschwinden oder ich." Im allgemeinen reagieren wir weniger radikal. Wir müssen uns nur im Chaos unserer idiosynkratischen Anfälligkeiten zurechtfinden. Vielleicht begegnet man uns mit Befremden, wenn wir unsere idiosynkratischen Reaktionen deutlich zeigen. Vielleicht bemerken wir aber auch, dass der andere dieselben Sympathien und vor allem dieselben Aversionen hat. Augenblicklich ist dann eine Nähe hergestellt, die intensiver sein kann als jahrelange ideelle Übereinstimmung. Freundschaft kann entstehen, Komplizenschaft. Doch sie muss sich immer neu bestätigen: Veränderungen in den Vorlieben und Abneigungen können zunächst unsichtbare Brüche bewirken.

Der Ekel, eine der heftigsten idiosynkratischen Reaktionen, ist nicht unbedingt unberechenbar. Man weiß zum Beispiel, dass sich in unserer Kultur fast jeder vor körperlichem Auswurf ekelt: Es gibt kulturellee Übereinkünfte gegenüber dem, was als ekelhaft gilt. In seinem Buch über den Ekel untersucht Winfried Menninghaus, wie sich in den ästhetischen Theorien von Baumgarten bis Kant die Regeln des Schönen gerade aus der Abgrenzung vom Ekelhaften ergeben - als Variante des Hässlichen. So darf der "schöne Körper" keine sichtbaren Öffnungen haben, die auf das Innere, Eklige hinweisen könnten. Geschlechtliches wird nur angedeutet. Der "klassische" Körper ist der eines Hermaphroditen.

Ordnung: Das Eklige vermeiden

Im Alltagsleben hat das Eklige die Funktion eines - paradoxen - Ordnungsinstruments: Es ist das, was vermieden werden soll. Es löst aber auch ein ambivalentes Gefühl aus, es kann anziehend und abstoßend sein, etwa in der Sexualtität und beim Essen - bis hin zum Sättigungsekel. "Nur soweit es Genuss gibt, gibt es auch Ekel." Gilt er der gesamten Existenz, wird er als Überdruss, Leere, Langeweile empfunden. Der "ennui" ist die Grundstimmung in Jean-Paul Sartres Roman "La naussee". Der vom Leben Angeekelte verhält sich seiner Umwelt gegenüber affektlos. "Der Ekel ist keine Krankheit mehr, kein vorübergehender Anfall; ich bin es selbst", sagt der Held in "La naussee". Friedrich Nietzsche wollte den Lebensekel überwinden, sich ihm aber auch aussetzen, um einen wahren Blick in das Wesen der Dinge zu erlangen. "Es ekelt mich, also habe ich erkannt", verkündete er.

Ein unauffälliger Mann geht an einem ganz gewöhnlichen Abend Zigaretten holen - und kommt nie mehr nach Hause. Bei Max Frisch heißt er Isidor. Er gerät im Hafen, zeitungslesend, auf den falschen Dampfer und landet bei der Fremdenlegion. Der Mann zeigt eine heftige idiosynkratische Reaktion (wie viele, wenn nicht die meisten "Helden" in der Literatur). Er verschwindet aus einem überschaubaren Leben: Die Gewohnheiten waren ihm unerträglich geworden. Der Lebensekel hat ihn jedoch nicht völlig gelähmt, er reißt aus.

"Idiosynkrasie und Flucht" nennt Silvia Bovenschen ihr Kapitel über dieses Verhalten. Nicht ganz nachvollziehbar ist es, wenn sie Heimweh nach dem Lande als Idiosynkrasie versteht, es sei denn, man führt es auf eine Idiosynkrasie gegen die Stadt zurück. Bovenschen konnte offenbar nicht immer der Verlockung widerstehen, fast jedes Phänomen auf eine Idiosynkrasie zu beziehen. Sie gibt selbst zu bedenken, dass "die Arbeit an und mit der Idiosynkrasie ins Uferlose weist".

Idiosynkrasien sind in fast allen Befindlichkeiten gegenwärtig, immer sprechen die Dinge zu uns. Indem wir - idiosynkratisch - auf sie reagieren, "sind wird noch ganz in der Welt, wollen wir nicht etwas von ihr". Vielleicht deshalb mahnt Baudelaire: "Verachte niemandes Empfindlichkeiten."

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