Kultur : Über Hornissenstiche und Gefangenenchöre

Jörg Königsdorf

Eigentlich ist das Pro-und-Contra-Gezeter, das auch in der zweiten Vorstellung von Verdis "Nabucco" noch einmal losbrach, ja ein gutes Zeichen: Mit ihren wippenden Stacheln treffen die Hornissen-Höflinge der fiesen Babylonier-Prinzessin Abigaille auch über die aufgeheizte Premierenstimmung noch ins Schwarze und sorgen zumindest dafür, dass jeder im Publikum sich Gedanken macht, auf welcher Seite der Operngänger er nun selber steht. Für diejenigen, die schon beim "Troubadour" genauso entschieden haben, dass die Neuenfels-Verdis nicht die Art Oper sind, die sie sehen wollen, hält der freie Markt eine Alternative bereit: Die Schlesische Staatsoper Bytom (ehemals als Beuthen bekannt) bietet am Donnerstag im Konzerthaus einen Gegen-"Nabucco": Mit Bühnenbild und Kostümen - sogar von einem Verantwortlichen für Regie ist die Rede -, aber garantiert ohne freche Zutaten, die von Stimmspektakel und Gefangenenchor-Melodienseligkeit ablenken könnten (9. 3.).

Davon abgesehen gibt es natürlich auch im Repertoire der Deutschen Oper genug Inszenierungen, die den konservativeren Publikumsgeschmack befriedigen. Mit etwas gutem Willen kann man sogar aus der Disposition der "Nabucco"-Vorstellungen ein Bekenntnis zur stilistischen Zweigleisigkeit erkennen: Den beiden nächsten "Nabuccos" sind unmittelbar Vorstellungen von Donizettis "Lucia di Lammermoor" vorgeschaltet, in einer denkbar braven Historien-Inszenierung von 1980, die von Anbeginn eigentlich nur als Sängerfolie gedacht war. Vor allem für Lucia Aliberti, die in Berlin nach wie vor eine treue Anhängerschaft besitzt und auch diesmal die Lucia singt. Und auch da weiß, wie bei Neuenfels, eigentlich jeder, was ihn erwartet (4. u. 7. 3.).Aus der Serie "Sotto voce"

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