Kultur : Überproduktion als Hauptursache der deutschen Krise

Katrin Hillgruber

Kleinmütiges aus Salzburg, Vages aus Berlin - Grosser ökonomischer Druck latset auf den HäusernKatrin Hillgruber

In Österreich wird jedes Jahr vor der Frankfurter Buchmesse der Titel mit der landesweit höchsten Auflage ausgezeichnet. 1999 siegte "Glatter Bauch, straffer Po". Gegen "die Zerstörung der Literatur im Namen des Geldes" hatten im Februar 34 Autoren des ambitionierten Salzburger Residenz Verlags protestiert, dessen Leiter Jochen Jung nach 25 Jahren fristlos entlassen wurde (Tagesspiegel vom 6. 2. 2000). Die Nachrichten aus der Welt der Literatur sind schlecht, die Stimmung der deutschsprachigen Büchermenschen ist zur Zeit grenzüberschreitend miserabel. Also stellte Herbert Wiesner, der Leiter des Berliner Literaturhauses, sein Domizil für einen Abend als Klagemauer zur Verfügung.

Wiesner hatte Jochen Jung eingeladen, über die Vorgänge im Residenz Verlag aus seiner Sicht zu berichten. Daran schloss sich ein Gespräch über die "neuerlichen Erfahrungen mit der Verlagerung oder dem Sterben von Verlagen in Berlin" an. Neben dem deutschen PEN-Präsidenten und Luchterhand-Autor Christoph Hein waren zahlreiche Betroffene erschienen: Residenz-Autoren wie Péter Esterházy und Kathrin Röggla (ihr Buch "Irres Wetter" ist gerade herausgekommen), Alban Nikolai Herbst, der bei Rowohlt verlegt wird, sowie Lektorinnen, etwa Katharina Raabe von Rowohlt Berlin und Christina Links vom Berliner Volk & Welt Verlag. Bei beiden Häusern zeichnen sich unter ökonomischem Druck erhebliche Veränderungen ab. Solange die neuen Strukturen und Programme noch intern beraten werden, ist jedoch eine öffentliche Diskussion, für die Verlagsmitarbeiter verbunden mit der verständliche Sorge um den eigenen Arbeitsplatz, schwierig oder unmöglich..

Volk & Welt jedenfalls, zur Zeit nur noch mit dem Verlagsleiter Dietrich Simon, der Pressefrau Jutta Becker und der Lektorin Links besetzt,wird immer mehr zum reinen Imprint, also faktisch einer Nebenreihe des Münchner Haupthauses Luchterhand. Ab Herbst, so Christina Links, soll es keine eigene Volk & Welt-Vorschau mehr für die neuen Bücher geben. Das bedeutet das faktische Aus. Auch bei Ullstein scheint der Versuch, das Berliner Traditionshaus zu "reliterarisieren" - wozu unter anderem Uwe Held vom Piper Verlag gekommen war -, von der Geschäftsleitung auf Eis gelegt worden zu sein.

Nichts Genaues weiß man nicht - was die schlimmsten Gerüchte begünstigt. Die Entfernung Jochen Jungs bei Residenz - die Konzernmutter Österreichischer Bundesverlag hat angeblich einen Headhunter ausgesandt, seinen Nachfolger zu suchen - könnte im Zusammenhang mit der geplanten Privatisierung des Bundesverlags stehen. Angeblich hat dies die neue blauschwarze Koalition vor. Doch ob sich für den gravitätischen ehemaligen Schulbuchverlag so schnell ein Interessent finden lassen wird, darf bezweifelt werden. Jochen Jung selbst weiß "naturgemäß" nur wenig darüber, wie es mit seinem Ex-Verlag weiter gehen wird, schließlich hat er Hausverbot. Einigen Residenz-Autoren schwebt eine Neugründung vor. Der Lyriker Peter Waterhouse entschied sich für einen radikalen Schnitt: Er zog seinen Gedichtband "Prosperos Land", von dem schon die Fahnen verschickt worden waren, aus dem Früjahrsprogramm zurück. Für ihn sei die Verhaltensweise der neuen Verlagsleitung unter Martina Schmidt (die Deuticke-Lektorin versieht ihr Salzburger Amt einmal wöchentlich) "menschlich inakzeptabel".

Die Ökonomie verkörperte die graue Eminenz an diesem Abend. Bei den Holtzbrinck-Verlagen Rowohlt und S. Fischer sind derzeit die Wirtschaftsprüfer der Unternehmensberatung McKinsey tätig - ein Schritt zur grundlegenden Reform aller Publikumsverlage des Konzerns. Die Schließung von Rowohlt Berlin ist zwar von der Hamburger Geschäftsführung schon öffentlich dementiert worden, doch wird Rowohlts Tochterunternehmen in der Hauptstadt sicher einen Teil seiner programmatischen Vielfalt und relativen Selbstständigkeit verlieren - zugunsten einer Konzentration auf so genannte "Kernkompetenzen".

Bei Suhrkamp sollen die Autoren neuerdings die Auflagenhöhe ihrer bevorstehenden Veröffentlichungen selbst abschätzen, will Herbert Wiesner gehört haben. Beläuft sie sich auf weniger als 7000, dann lohne es sich für den Verlag erst gar nicht. Katharina Raabe zitierte Hans Blumenbergs Erkenntnis, dass es immer mehr Bücher für immer weniger Leser gebe. In der gewaltigen Überproduktion liegt eine Hauptursache der deutschen Verlagskrise. Von der "Leseschwäche der Markstrategen und ihrer Fixierung auf große Namen" ist diese Woche im "Spiegel" die Rede. Jedenfalls gilt die schiere Kosten-Nutzen-Rechnung prosaischerer Branchen immer mehr auch für Verlage und ihre sensiblen Produkte. Vielleicht liegt es aber zugleich an der Abscheu vieler Schöngeister, sich freiwillig mit ökonomischen Tatsachen zu befassen. Auch der Residenz Verlag schrieb in den letzten zwei Jahren bedenklich rote Zahlen, was Jochen Jung gar nicht leugnet. Er hat das schauderhafte Frühlingserwachen der Branche schon hinter sich.

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