Kultur : Überspülte Tanzflächen

Bodo mrozek

ist gegen Soli-Saufen Tanzflächen sind sensible Orte, auf denen sich gewissermaßen körpersprachlich die Stimmung der Nation artikuliert. Eine Forschungsgruppe der Berliner Interessengemeinschaft „Club-Kommission“ ermittelt seit Jahren quasi wissenschaftlich die Faktoren, die dazu führen, dass an manchen Tagen rätselhafterweise alle Tanzflächen leer gefegt sind. Ohne den Statistikern vorgreifen zu wollen, darf man konstatieren, dass auch hier längst die Globalisierung greift.

Denn wenn DJs Seismographen des Zeitgeistes sind, dann kann es auch auf Tanzflächen nicht folgenlos bleiben, wenn im Clubparadies Asien die Erde bebt. Als am 12. September 2001 der Barkeeper eines Kreuzberger Clubs gedankenlos ein Godzilla-Video einschob, verließen einige Gäste empört den Raum. Die Bilder einstürzender Neubauten weckten das schlechte Gewissen. Darf man sich vergnügen, während anderswo Katastrophenalarm herrscht?

Seit dem Umsatzschock von „Nineeleven“ haben die Club-Betreiber dazu gelernt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass nun eilig auf allerlei Flyern zur Solidarität mit den Flutopfern aufgerufen wird. Prominente zapfen ehrenamtlich Bier, Eintrittsgelder werden um Soli-Beiträge erhöht. So lädt die Initiative „Jazz hilft“ seit acht Tagen in die neue Clubbar Fritznielsen (Kurfürstendamm 129 a) zu einer Jam-Session rund um die Uhr, heute tritt die Berliner Jazzsängerin Lyambico mit ihrem Trio auf. Alle Einnahmen werden gespendet. Andere Initiativen dagegen bleiben nebulös: Der Eintritt wird drastisch erhöht, die Spenden prüft keiner nach, das Bier strömt umso mehr. Nichts aber stinkt mehr zum Himmel als Betroffenheits-Business. Solidarität mit dem Weltelend und fröhliches Ausgehen sind nun mal zwei grundverschiedene Dinge. Man sollte sie getrennt lassen.

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