Kultur : Übervater

Susanna Nieder

Für die 15-jährige Kambili Achike beginnt und endet alles mit ihrem Vater. Als engagierter Katholik und Verleger der einzigen Zeitung, die der korrupten nigerianischen Militärregierung die Stirn bietet, wird er von vielen geliebt und bewundert. Zu Hause aber führt er ein eisernes Regiment: Minutiös regelt er den Tagesablauf von Kambili und ihrem zwei Jahre älteren Bruder Jaja und verlangt auch von der Mutter absolute Unterwerfung unter seine Vorstellungen von Gut und Böse. Als Papas furchtlose Schwester Ifeoma und deren Kinder auf den Plan treten, erlebt Kambili zum ersten Mal, dass Menschen auch in Freiheit leben können.

Mit leiser, eindringlicher Stimme erzählt die 28-jährige Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem bemerkenswerten Erstlingsroman, wie Kambilis Familie innerhalb weniger Wochen aus den Fugen gerät. Aus der Sicht der 15-Jährigen, die zwischen der Liebe zum übermächtigen Vater und der Angst vor ihm hin- und hergerissen ist, entsteht nach und nach das beklemmende Bild eines Despoten, der im Namen des Glaubens vor keiner Brutalität zurückschreckt.

Der blaue Hibiskus, den Jaja im elterlichen Garten anpflanzt, steht für die Freiheit, die für die heranwachsenden Geschwister immer mehr zur Notwendigkeit wird. Die Menschen und Traditionen des von Unruhen geplagten Nigeria beschreibt die Autorin, die seit 1998 in den USA lebt, in liebevollem, fast wehmütigem Ton. Zorn kommt meist nur zwischen den Zeilen vor, und für Hoffnung reicht es nicht. Was Kambili trotz allem bleibt, ist Liebe, die nicht nach den Umständen fragt.


Dieses Buch bestellen Chimamanda Ngozi Adichie: Blauer Hibiskus. Roman. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. Luchterhand, München. 317 Seiten, 21,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben