Kultur : Ulrikes Schnurrbart

Annelie Lütgens

Die Fotos vom 11. September sind mittlerweile in voluminösen Fotobänden gelandet, die es in Museumsshops zu kaufen gibt. Doch es scheint, als entfalten die Bilder des Schreckens im Kunstkontext ein Eigenleben. Sie haben den Blick auf Kunst infiziert und sich so dafür gerächt, dass wir uns anfangs weigerten, sie als real zu begreifen. Im oberen Ostflügel des Hamburger Bahnhofs in Berlin zeigen Britta Schmitz und ihre Kollegen, wie ein Museum für Gegenwart zur Reflexion über Kunst und aktuelle Realität beitragen kann.

"Gewohnheitstier" nennt Rosemarie Trockel ihre Skulptur eines toten Hasen. Er liegt auf dem Boden im Vorraum zu den neu gehängten Sammlungsräumen, leicht zu übersehen. Um mit Beuys zu sprechen: Wie soll man diesem toten Hasen die Bilder erklären, die in den folgenden Räumen zu sehen sind? Die in Pink und Weiß erstrahlende Siebdruckserie von Susi Pop, "Der Schnurrbart der Ulrike Meinhof (Negativ)" reproduziert und kommentiert in der Tradition von Duchamp und Warhol den grau in grau gemalten 15-teiligen Gemäldezyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter. Richters Arbeit von 1988 entschwand ins New Yorker Museum of Modern Art, Susi Pops daraufhin hergestellte erste pinkfarbene Coverversion fand zahlreiche private Sammler. In beiden Fällen gingen deutsche Museen leer aus. Für das Berliner Museum der Gegenwart hat Susi Pop den "Schnurrbart" als Negativversion noch einmal produziert. Sozusagen den Schnurrbart des Schnurrbarts. Ihre Siebdruckserie der Fotogemälde verweist auf das Ausgangsmaterial Richters, die in Printmedien verbreiteten Fotos der toten RAF-Häftlinge Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe. Die Terroristen, etwa Gudrun Ensslin in der dreiteiligen "Gegenüberstellung" wirken noch geisterhafter als bei Richter. Schatten von Schatten von Toten, überbelichtet. Susi Pops Negativversion betont den Kunstcharakter ihrer Aktion, ohne den kritischen Impuls aufzugeben.

Johan Grimonprez Video "Dial H-I-S-T-O-R-Y" von 1995-97 stellt die Verbindung zum 11. September her. Bereits auf der letzten Documenta beeindruckte die Montage von filmischen, elektronischen, fotografischen Bildern zu einer Chronologie der Flugzeugentführungen, Terroranschläge und Staatskrisen. Flimmernde Bilder einer Weltkatastrophenkultur.

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