Kultur : Umberto Eco: Vom Heil einer natürlichen Ethik

Auszüge aus einem Briefwechsel Umberto Ecos m

Ich bin fest überzeugt, dass es Formen von Religiosität gibt, also Sinn für das Heilige, für die Grenze, für die Infragestellung und die Erwartung, für die Kommunion mit etwas, das uns übertrifft, auch wenn wir nicht an einen personalen und vorsorgenden Gott glauben. Das wissen auch Sie. Aber Ihre Frage ist, was es in diesen "weltlichen" Formen von Ethik an Bindendem, Mitreißendem, Unverzichtbarem gibt.

Ich möchte mich der Frage auf einem Umweg nähern. Manche Probleme sind mir klarer geworden, indem ich über semantische Fragestellungen nachdachte - und seien Sie unbesorgt, wenn jemand uns vorhält, wir drückten uns ein bisschen schwierig aus. Die Leute sollen lernen, schwierige Dinge zu denken, denn weder das Mysterium noch die Evidenz sind einfach. Mein Problem war, ob es elementare Begriffe gibt, die der ganzen menschlichen Gattung gemeinsam sind und in allen Sprachen ausgedrückt werden können. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Dennoch - ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es begriffliche Vorstellungen gibt, die allen Kulturen gemeinsam sind, und dass sie sich alle auf die Positionen unseres Körpers im Raum beziehen.

Wir sind Tiere, die aufrecht gehen, weshalb es für uns anstrengend ist, längere Zeit mit dem Kopf nach unten zu verharren; darum haben wir eine gemeinsame Vorstellung von dem, was oben und was unten ist, wobei wir das erste dem zweiten vorziehen. Desgleichen haben wir eine gemeinsame Vorstellung von einer rechten und einer linken Seite, vom Stehen und vom Liegen, vom Stillstehen und vom Gehen, vom Schleichen und vom Springen, vom Wachsein und vom Schlafen. Die Aufzählung könnte noch lange fortgesetzt werden und das Sehen, das Hören, das Essen und das Trinken, das Hinunterschlucken und das Ausspucken einbeziehen. Und gewiss hat jeder Mensch Vorstellungen über das, was wahrnehmen, erinnern, wünschen, Angst haben, traurig oder erleichtert sein, Vergnügen oder Schmerz empfinden heißt; und was es heißt, Laute hervorzubringen, die diese Gefühle ausdrücken.

Beachten Sie, dass ich bisher nur eine Art tierischen und solitären Adam eingeführt habe, der noch nicht weiß, was sexuelle Beziehung, Freude am Gespräch, Liebe zu Kindern oder Schmerz über den Verlust einer geliebten Person ist; aber schon ist diese Semantik zu Grundlage einer Ethik geworden: Wir müssen in erster Linie die Rechte der Körperlichkeit anderer respektieren, zu denen auch das Recht zu reden und zu denken gehört. Hätten unsere Artgenossen diese "Rechte des Körpers" respektiert, hätte es keinen Kindermord zu Bethlehem, keine im Zirkus den Löwen vorgeworfenen Christen, keine Bartholomäusnacht, keine Ketzerverbrennungen, keine Vernichtungslager, keine Kinder in Bergwerken und keine Vergewaltigungen in Bosnien gegeben.

Aber wie lernt das noch ganz aus Staunen und aus Wildheit bestehende Adam- (oder Eva-)Tier, das ich hier eingeführt habe - wodurch lernt es, nicht nur zu begreifen, dass es bestimmte Dinge will und von anderen nicht möchte, dass sie ihm angetan werden, sondern auch, dass es den anderen nicht antun darf, was es sich selbst nicht angetan haben möchte? Dadurch, dass sich der Garten Eden zum Glück rasch bevölkert. Die ethische Dimension beginnt, wenn der andere ins Spiel kommt. Jedes Gesetz, ob moralischer oder juridischer Art, regelt interpersonale Beziehungen einschließlich derjenigen zu einem Großen Anderen, der es auferlegt.

Wie uns auch die weltlichsten unter den Humanwissenschaftlern lehren, ist es der andere, der Blick des anderen, der uns definiert und formt. Ohne den Blick und die Antwort des anderen können wir nicht begreifen, wer wir sind (so wie wir nicht leben können, ohne zu essen und zu schlafen). Selbst wer andere tötet, vergewaltigt, beraubt, verletzt, tut das nur in Momenten der Ausnahme, und den Rest seines Lebens verbringt er damit, von seinesgleichen Anerkennung, Liebe, Achtung und Lob zu erbetteln. Sogar von denen, die er demütigt, verlangt er die Anerkennung der Angst und der Unterwerfung. Ohne den anerkennenden Blick eines anderen kann das Neugeborene, das im Wald ausgesetzt wird, nicht zu einem Menschen werden (oder es sucht den anderen, wie Tarzan, im Gesicht eines Affen), und wir würden sterben oder verrückt werden, wenn wir in einer Gemeinschaft leben müssten, in der ausnahmslos alle beschlossen hätten, uns nie anzusehen und sich so zu benehmen, als ob wir nicht existierten.

Wieso gibt oder gab es dann aber Kulturen, die das Massaker, den Kannibalismus, die Erniedrigung des Körpers anderer billigen? Einfach, weil diese Kulturen den Begriff der zu respektierenden anderen auf die Angehörigen des eigenen Stammes oder Volkes reduzieren und die nicht dazugehörenden "Barbaren" als nichtmenschliche Wesen betrachten (auch die Kreuzfahrer empfanden ja die Ungläubigen nicht als Nächste, die man besonders lieben musste).

Die Anerkennung der Rolle der anderen, die Notwendigkeit, bei den anderen jene Ansprüche zu respektieren, die wir als unverzichtbar für uns selbst erachten, ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Lernprozesses. Auch das christliche Liebesgebot wurde erst ausgesprochen (und nur höchst widerstrebend angenommen), als die Zeit dafür reif war.

Sie werden mich fragen, ob dieses Bewusstsein von der Bedeutung des anderen genügt, um mir eine absolute Basis, eine unverrückbare Grundlage für ein ethisches Verhalten zu geben. Ich könnte Ihnen darauf antworten, dass auch jene Grundlagen, die Sie als "absolut" definieren, viele Gläubige nicht daran hindern, zu sündigen im Wissen, dass sie sündigen, und damit wäre unser Gespräch zu Ende.

Ich denke, auch Sie können das tiefe Vertrauen in die Kontinuität des Lebens und das absolute Pflichtgefühl bewundern, das viele Nichtgläubige dazu befähigt hat, unter der Folter zu sterben, ohne ihre Freunde zu verraten, oder andere, sich von der Pest anstecken zu lassen, um die Pestkranken zu heilen. Manchmal ist es auch das Einzige, was einen Philosophen zum Philosophieren treibt oder einen Schriftsteller zum Schreiben: eine Flaschenpost zu hinterlassen, damit das, woran man geglaubt hat oder was man schön fand, auch von den Nachgeborenen geglaubt oder schön gefunden werden kann.

Aber Sie sagen, ohne das Wort und Beispiel Christi fehle es jeder weltlichen Ethik an einer grundlegenden Rechtfertigung, die eine unausweichliche Überzeugungskraft hätte. Versuchen Sie einmal für einen Augenblick die Hypothese zu akzeptieren, dass es Gott nicht gibt. Dass der Mensch durch einen Irrtum des täppischen Zufalls auf der Erde erschienen ist, nicht nur einer Sterblichkeit ausgeliefert, sondern auch dazu verurteilt, ein Bewusstsein zu haben, mithin als das unvollkommenste aller Wesen. Dieser Mensch würde nun, um den Mut zu finden, auf den Tod zu warten, notgedrungen ein religiöses Wesen werden, er würde sich bemühen, Erzählungen zu ersinnen, die ihm eine Erklärung und ein Modell liefern könnten, ein exemplarisches Bild. Und unter den vielen, die er sich ausdenken könnte - manche strahlend, manche erschreckend, manche pathetisch tröstlich - hätte er in einem bestimmten Moment die religiöse, moralische und poetische Kraft, das Modell des Christus zu konzipieren, das Modell der universalen Liebe, der Vergebung für die Feinde und des zur Rettung der anderen geopferten Lebens.

Selbst wenn Christus nur das Sujet einer großen Erzählung wäre - die Tatsache, dass diese Erzählung von ungefiederten Zweibeinern, die nur wissen, dass sie nichts wissen, erdacht und gewollt werden konnte, wäre ebenso wunderbar (wunderbar geheimnisvoll), wie dass der Sohn eines wirklichen Gottes wahrhaftig Mensch geworden sein soll. Dieses natürliche und irdische Mysterium würde nicht aufhören, die Herzen der Nichtgläubigen zu verwirren und veredeln.

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben