Umstrittenes Buch : Sarrazin im Erfolgsrausch

Thilo Sarrazin reist durchs Land und lässt sich feiern. Sein Buch "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" ist dabei, zum erfolgreichsten Sachbuch nach 1945 zu werden.

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Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
21.01.2011 18:02Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht...

Das Foto spricht Bände: Thilo Sarrazin sitzt an seinem Schreibtisch in der Zentrale der Bundesbank in Frankfurt. Es ist sein letzter Arbeitstag. Und was macht der Bundesbanker, der seinen Job aufgeben muss wegen seiner umstrittenen Thesen zur Vererbung von Intelligenz und der Integration von Muslimen? Er signiert eben jenes umstrittene Buch, dessen rote Buchrücken sich vor ihm auf dem Schreibtisch stapeln. Dabei lässt er sich fotografieren. Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dem Blatt der deutschen Finanzwelt, in die er nie so richtig hineingepasst hat, überlässt er das Foto zur Veröffentlichung. Und zeigt damit noch einmal allen seinen Kritikern: Ich bin mit mir im Reinen.

Sarrazin hat guten Grund, selbstbewusst aufzutreten. Sein Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ ist dabei, zum erfolgreichsten Sachbuch nach 1945 zu werden. Innerhalb von nur drei Wochen wurden 1,1 Millionen Exemplare gedruckt. Anhand der Vorbestellungen kann man darauf schließen, dass etwa 800 000 Exemplare schon verkauft wurden.

Die massive Kritik an Sarrazins Interpretation von statistischem Datenmaterial, an der Frage nach der „Qualität“ der in Deutschland lebenden Migranten und an den umstrittenen „wissenschaftlichen“ Exkursen zur Vererbung von Intelligenz scheint den Streiter nicht nachdenklich gemacht zu haben. Im Gegenteil: Sie scheint ihn zu beflügeln. Bei einem Auftritt in der überfüllten Münchner Reithalle sagt Sarrazin, die Resonanz auf das Buch habe ihn verändert. Sein Gesprächspartner bei der Veranstaltung, der Chefredakteur des „Handelsblattes“, Gabor Steingart, hatte den Eindruck, dass er eher „kaltschnäuziger“ geworden ist im Umgang mit Kritikern. Sarrazin befinde sich noch „im Rausch des Erfolgs“ und sehe in den Verkaufszahlen eine Bestätigung seiner Thesen. „Von seinen Thesen nimmt er nichts zurück“, war Steingarts Eindruck.

Im Interview mit der FAZ vermittelt Sarrazin allerdings das Gefühl, als sei ihm der enthusiastische Zuspruch manchmal schon fast unheimlich. „Die Intensität der positiven Emotionen beunruhigt mich auch etwas. Bei meiner Lesung im ausverkauften Nicolaisaal in Potsdam stellte ein junger Zuhörer die völlig berechtigte Frage, ob mein Buch nicht den Rechtsradikalen in die Hände arbeite. Schon während der Frage kam Unmut über den Fragesteller im Saal auf, den ich dann dämpfen musste.“

Immerhin haben solche und andere Szenen der Sarrazin-Debatte den Korrespondenten der „Neuen Züricher Zeiung“ zu einer der besten Analysen aktueller deutscher Befindlichkeiten beflügelt. Ulrich Schmid attestiert den Deutschen „die Lust an der politischen Schweinegrippe“. Er kenne kein anderes Land, in dem „der Unterschied zwischen der niederschmetternden Durchschnittlichkeit politischer Ereignisse und ihrer medialen Vermarktung so groß“ sei wie in Deutschland. „Aus jedem gesellschaftlichen Diskurs wird ein Kulturkampf.“

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