Kultur : Unberechenbar

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KINDEROPER

Es gibt nicht viele Märchenstücke, auf die sich Erwachsene genauso freuen wie ihre Kinder. Hier ist eins: Es heißt „Kaisers Nachtigall“ von Peter Lund (Text) sowie Andrew Hannan (Musik) in der Neuköllner Oper (weitere Aufführungen vom 12. Oktober bis 18. November, ab sechs Jahre). Zu Grunde liegt dem Mini-Musical für Gitarre, Klarinette, zwei Personen und singende Kakerlake das bekannte Märchen von Hans Christian Andersen. Doch Lund holt die Geschichte von der Liebe des chinesischen Kaisers zum Gesang einer Nachtigall aus der methaphorischen Ferne in die Gegenwart: Sein Herr Kaiser könnte der Junggeselle von nebenan sein. Und selbst die sommersprossige Frau Nachtigall, die eines Tages unvermittelt auf Kaisers Balkon im sechsten Stock steht und dabei so schön singt, erscheint kaum unwirklicher als ein realer Mensch – vorausgesetzt, man ist gerade in ihn verliebt. Mit sicherem Instinkt setzt Lund die Akzente, die die Dramatik der Liebe zu einem lebendigen, unberechenbaren Erlebnis für Kinder und Erwachsene gleichermaßen machen: von der tückischen Frage, wieviel Stück Zucker in den Kaffee gehören, bis hin zu dem zwischen Männern, Frauen und Kindern längst nicht ausdiskutierten Problem, was denn eigentlich das Wörtchen „logisch“ bedeutet. Fast mühelos zwischen Komik und Charakteristik balancierend spielen und singen sich Samuel Schürmann (Kaiser) sowie Mariel Supka (Nachtigall / Kakerlake) durch Rogier Hardemans gewandte Inszenierung. Mehr hätte man in ihr allenfalls von der Sehnsucht des Kaisers nach seiner Nachtigall noch erfahren mögen. Was allerdings passieren würde, wenn nach dem guten Ende Frau Nachtigall und die Kakerlake aufeinanderträfen, dieses Drama darf uns das Team auch gerne in einem neuen Märchen erzählen. Carsten Niemann

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