Kultur : Und ewig lockt die Farbe

Brücke und Berlin – die Neue Nationalgalerie feiert 100 Jahre Expressionismus mit einer Großausstellung

Nicola Kuhn

Ein merkwürdiges „Freundschaftsbildnis“ gibt dieses Quartett ab: Der eine kauert Pfeife rauchend am Boden, zwei haben ihre Hände demonstrativ in den Anzugtaschen versenkt, der Vierte hält merkwürdig verkrampft ein Dokument auf seine Oberschenkel gepresst. Keiner schaut den anderen an; es scheint, als starrten alle demonstrativ in verschiedene Richtungen. Mit der Freundschaft war es 1926/27, als das Gemälde entstand, tatsächlich aus. Die dargestellte „Künstlergruppe“, so ein anderer Titel für das monumentale Erinnerungsbild, aber war längst Legende.

Über ein Jahrzehnt nach dem Auseinanderbrechen der Gemeinschaft hatte Ernst Ludwig Kirchner noch einmal die Zentralfiguren auf der Leinwand versammelt: Otto Mueller hockend, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff ihre Hände verbergend und sich selbst mit einem Schriftstück, das die Trennung 1913 besiegelte. Es ist der letzte Jahresbericht, die von Kirchner verfasste Chronik der „Künstlergruppe“, in der er vornehmlich sich selber pries und das Fass zum Überlaufen brachte. Gänzlich konnte von der „Brücke“ keiner lassen, der einst bei ihr Mitglied war, am wenigsten Kirchner, der sich am heftigsten abzusetzen suchte. Die Brücke – das ist in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts die stärkste Strömung, der wichtigste Beitrag zur Moderne.

So wie sie endete – mit einem Schriftstück, nicht mit einem Kunstwerk –, so sollte sie auch ihren Anfang nehmen: Am 7. Juni 1905 fanden sich vier Dresdner Architekturstudenten zusammen und formulierten pathetisch ihre gemeinsamen Leitgedanken: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“ Diese mitreißenden Worte des Aufbruchs hängen um ein Vielfaches vergrößert, als riesige Fahne in der gläsernen Halle der Neuen Nationalgalerie. Die Staatlichen Museen zu Berlin feiern sich selbst mit 100 Jahren Brücke in ihrem schönsten Schauhaus. Das Pathos können sie sich leisten, denn der Umzug nach Berlin bedeutete zwar die Auflösung der Gruppe, doch hier vollendete sich ihre Kunst. In der hektischen Metropole gelangten die Maler zum reinen, ekstatischen Expressionismus und entfernten sich vom sanften, lyrischen Stil der Dresdner Jahre. In Berlin finden sich außerdem die weltweit umfangreichsten Bestände. Ausgestellt werden jetzt 450 Werke: Gemälde, Aquarelle, Grafiken, Bücher, Skulpturen, Glasfenster, Schmuck und Stoffe.

Die Brücke – das ist die Verwirklichung der Idee vom Gesamtkunstwerk, eine programmatische Mischung aus Kunst und Leben, Wohnen und Arbeiten. Die Neue Nationalgalerie tut gemeinsam mit dem ausrichtenden Kupferstichkabinett gut daran, gerade diesen Aspekt zu betonen, will sie unter den zahllosen Jubiläumsausstellungen das Eigene betonen. Diese erste große Berliner Brücke-Schau (die zweite folgt im Herbst in der Berlinischen Galerie) gleicht damit einer Reise durch acht wechselvolle Jahre, durch die Höhen und Tiefen einer damals nur Wenigen bekannten Künstlergruppe, die längst erklärter Publikumsliebling ist. Was damals wenige Reichsmark kostete, rangiert heute auf Auktionen in Millionenhöhe. Und was durch aufgeschlossene Direktoren Einlass ins Museum fand, ging wenige Jahre später in großen Teilen durch die Aktion „Entartete Kunst“ 1937 verloren. Die Brücke war Hauptziel der Attacke. Die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie ist zugleich eine Rekonstruktion einstigen Besitzes: Kirchners „Freundschaftsbild“, das den Parcours eröffnet, befindet sich heute im Kölner Museum Ludwig, seine berühmten Kokotten vom Potsdamer Platz kehren aus dem New Yorker MoMA vorübergehend wieder heim.

Natürlich punktet die Ausstellung mit großen Bilderstrecken, dem Finale auf rotem Grund im so genannten Amerikanersaal, Schmidt-Rottluffs Farbleuchten und Kirchners Grazien im Grünen vis-à-vis vom Skulpturengarten, den hinreißenden Räkeleien von Fränzi, Marzella, den Freundinnen der Maler in freier Natur oder im exotischen Interieur ihrer Ateliers. Auch als Sehschule leistet die Schau Vorbildliches, wo sie die Vorbilder der Maler präsentiert. Die van Goghschen Kornfelder wehen verblüffend ähnlich auch bei Pechstein und Kirchner, das ewig Weibliche lockt in vergleichbarer Pose bei Heckel wie schon bei Munch, und der besondere Strich eines Matisse, seine dynamische Körperlinie findet sich bei Pechstein und Kirchner fortgesetzt. Schön auch die aufgezeigten Parallelen zu Jugendstil, Japonismus und Fauves bei der Druckgrafik. Aber all das kennt man, wenn auch nicht in dieser exquisiten Auswahl, ergänzt um Skulptur und Malerei.

Wirklich aufregend wird die Ausstellung dort, wo sie Grundlagenforschung betreibt und aus dem Ethnologischen Museum in Dahlem holt, was die Künstler zu ihren primitivistischen Formen animierte. Das Vorbild dazu lieferte vor sechs Jahren die Gauguin-Ausstellung. Hier war bereits der berühmte Haus-Balken von Palau zu sehen mit Schnitzarbeiten voll sinnlich-ursprünglicher Lust. Aus der Südsee entliehen sich die Künstler das Kraftvolle, Ausdrucksstarke, mit dem sie die Seichtigkeit des Wilhelminismus wegzufegen suchten. Zu den nachhaltigsten Eindrücken der Ausstellung gehören jene beiden Nolde-Kabinette, in denen sich seine Reise 1913 und die Auseinandersetzung mit Masken und Fetischen aus dem Berliner Völkerkundemuseum dokumentiert. Die primitiven Figuren stehen in Vitrinen gleich daneben; vis-à-vis wirken sie wie kommunizierende Röhren. Da mag man übersehen, dass Nolde längst nicht mehr Brücke-Mitglied war.

Die Suche nach dem Ursprünglichen setzt sich fort in den eigenen vier Wänden. Die Künstler richteten sich ihre Ateliers ein wie bunte Höhlen mit selbst gebauten Möbeln, eigenen Skulpturen, gebatikten Tüchern, wie ihre Bilder zeigen. Die Rekonstruktion des Kirchner-Ateliers in Friedenau muss da enttäuschen, auch wenn der von Erna Schilling bestickte Diwan nach Entwürfen ihres Partners eine Entdeckung ist. Nicht nur, dass die Brücke längst aufgehört hatte zu existieren, den Stoffen fehlt die Unmittelbarkeit, die in den Bildern und Grafiken noch pulsiert. Gerade darin steckt auch das Geheimnis für die anhaltende Popularität der Brücke-Kunst: Sie konserviert die Lust am Leben, die reine Freude an Form und Farben. Vermutlich hat sich deshalb der Berliner Anwalt Hugo Perls von Pechstein seine Mies van der Rohe-Villa ausmalen lassen. Auf die Geradlinigkeit der Architektur antworte er an den Wänden mit Bachanalien. Die stehen auch der Neuen Nationalgalerie gut zu Gesicht.

Neue Nationalgalerie, bis 28.August; Katalog (Nicolai Verlag) 24,90 Euro.

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