Kultur : Und Punkt

Der Belgier Kris Martin in der Galerie Johann König

Daniel Völzke

Letzte Worte sind manchmal vor allem dafür da, der Nachwelt Gewissensbisse zu bereiten. Was sonst wohl bezweckte Cäsar, als er seinem Meuchler Brutus „Et tu…“, „Auch du…“, hinhauchte – und verstarb. „Et tu“ steht auch auf dem letzten Blatt, das durch die imposante, vierzig Jahre alte Druckmaschine gerattert ist, die der Belgier Kris Martin in die Galerie Johann König gestellt hat. Bevor der Druckermeister in Pension ging, hat er in den ehemaligen Kreuzberger Fabrikhallen seiner Maschine diese Worte auf die Druckplatte gelegt. „Auch du findest mich also nicht mehr zeitgemäß“, scheint der Drucker der Maschine und die Maschine dem Drucker sagen zu wollen.

„Deus ex machina“ heißt die Ausstellung – doch auf einen rettenden Gott wartet man hier vergebens. Der Hang zum Lateinischen wiederum, also einer toten Sprache, passt zu Martin. Seine Arbeiten reflektieren Vergänglich- und Vergeblichkeit, das Nichts und Nichtmehrweiter (Preise zwischen 2000 und 68 000 Euro). Auf der Berlin Biennale fiel der 1972 geborene Künstler mit einer Anzeigetafel auf, wie man sie von Bahnhöfen und Flughäfen kennt. Statt Buchstaben und Ziffern zu zeigen, blieb die Tafel schlicht schwarz. Das vergebliche Klappern beim Umblättern der leeren Plättchen in der St.-Johannes-Evangelist-Kirche klang geradezu höhnisch: Es fährt kein Zug nach Nirgendwo, kein Schiff wird kommen.

Bei Johann König installierte Martin eine funktionsuntüchtige Fahnenstange, pappte einen Magneten vor das Gesicht einer kleinen Don-Quijote-Plastik und präsentiert einen Schulglobus ohne Kontinente. Selbst die Uhren, die es bekanntlich mit der Unendlichkeit aufnehmen, überwindet letztlich die Zeit: Auf dem Boden liegt ein Haufen bunter Armbanduhren, noch ticken einige und manchmal piept es im Memento-Mori-Berg. Doch irgendwann wird die Zeit einen Schlusspunkt setzen. Wie Martin, der das letzte Satzzeichen aus Büchern ausschneidet und auf ein weißes Blatt Papier klebt: Dostojewskis Punkt ist leicht vergilbt, Rilkes quadratisch, ganz fein und kaum zu sehen, der Punkt, der Kafkas Brief an den Vater beendet. Unscheinbar und doch erschütternd abschließend steht das letzte Zeichen in Anne Franks Tagebüchern. Kris Martin gehen die Bilder für die Leere nicht aus.

Galerie Johann König, Dessauer Straße 6 – 7, bis 14. Oktober; Di – Sa 11 – 18 Uhr.

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