Kultur : Und vergesst mir die Poeten nicht

Die Lyriker sind die wahren Stars der jungen deutschen Literatur - ein Streifzug durch die Szene

Gregor Dotzauer

Wo sind all die Zeilen hin, könnte man nach einer Daumenkinolektüre der Gedichte in „Bella triste“ argwöhnen, wo sind sie geblieben. Die Zeilen, die einen anspringen, noch bevor man etwas verstanden hat. Die sich festsetzen und andere Zeilen nach sich ziehen und irgendwann so tun, als hätte man nie ohne sie gelebt. Unverwüstliche Zeilen wie Benns „es gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich“. Oder Enzensbergers „lies keine Oden, mein Sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer“. Ein einzelnes Wort wie Ernst Jandls „schtzngrmm“ würde schon genügen oder Thomas Klings „Schlechtdraufität“. Was hat diese Versammlung von 34 jungen Lyrikern, die sich hier in Gedichten und Meinungen ergeht, dagegen aufzubieten außer der Selbstinthronisierung ihrer Generation als dem neuen deutschen Lyrikwunder: Ein goldenes Poster zeigt unsere Pin-up-Poets, von Vladimir Miller gezeichnet, auf einem knappen Meter Breite.

Der Grad an Selbstbewusstsein, Festival- und Buchpräsenz, interner Vernetzung und Weltläufigkeit, den die Szene von Berlin aus binnen weniger Jahre erreicht hat, ist tatsächlich ein mittleres Wunder. Schon die vor vier Jahren bei DuMont erschienene Anthologie „Lyrik von jetzt“, in der Jan Wagner und Björn Kuhligk 74 deutschsprachige Stimmen vorstellten, zeugte von einer Betriebsamkeit, die sich lange abseits des Betriebs angebahnt hatte: in Kneipen und WGs, Kleinstzeitschriften und Liebhaberobjekten wie der Literaturschachtel „Die Außenseite des Elements“ – ganz so, wie es sich gehört. Wenn die Anthologie aber das Gründungsmanifest der Szene war, so ist die Sonderausgabe der „Bella triste“ jetzt die sich selbst zugedachte Festschrift.

Mit dem Sichfeiern ist die Szene nicht einmal allein. Heinz Ludwig Arnolds ehrwürdige Zeitschrift „Text + Kritik“ hat ihr unlängst, unter Beteiligung einiger Protagonisten, ein aufschlussreiches Heft gewidmet. Landauf, landab regnet es Preise und Stipendien. Doch da beginnen die Missverständnisse. Allein die Erwähnung der Dichter, in deren Namen sie Ehrungen erhalten haben – Jan Wagner etwa den Ernst-Meister-Preis und Uljana Wolf den Peter-Huchel-Preis – dürfte sogar das Gros der Deutschlehrer ratlos machen.

Alles, was nicht auf ministerielle Verordnung zum Marschgepäck des humanistischen Bewusstseins zählt, alles, was nicht durch jahrzehntelange Wiederholung ins Schatzkästlein deutscher Lyrik, in Schulbücher und Feuilletons eingewandert ist, fristet in der breiteren Öffentlichkeit, gleich, welche Bedeutung ihm zukommt, ein kümmerliches Dasein. Ganz abgesehen davon, dass auch die Notration Poesie, die jeder mit sich herumträgt, die Haltung nicht verhindert, die Andreas Thalmayrs (alias Enzensberger) „Erster Hilfe für gestresste Leser“ den Titel gegeben hat: „Lyrik nervt“. Und die Jungen nervt wiederum Enzensberger.

Das ist nun keine originelle Beobachtung. Auch die Diagnose, die Dichtern ohne Ansehen von Person und Werke gern zuteil wird, taugt nicht für neue Erkenntnisse: selber schuld. Lyrik ist heute eben, wenn zehnjährige Mädchen in der U-Bahn den Refrain von Lafees „Prinzesschen“ anstimmen: „Ja Prinzesschen du hast Macht / Bist die Königin der Nacht / Du bist jung und wunderschön / und jeder Arsch will mit dir gehn.“ Doch gibt nicht genau das allen Dichtern und Dichterinnen, die es etwas weiter treiben wollen, das Recht, sich publikumswirksam zu inszenieren, und sei es auf goldenen Postern? Am allgemeinen Paria-Dasein gegenüber den Prosa schreibenden Kollegen – erstaunlich viele verstehen sich als reine Lyriker – ändert das nichts. Die Medienautorität der alten Großdichter scheint zementiert, und ein Nachfolger für den 1962 geborenen Büchner-Preisträger Durs Grünbein, der mittlerweile ganz in klassizistische Gefilde abgetaucht ist, scheint nicht in Sicht.

Doch ihn – und seinem 1957 geborenen und vor zwei Jahren gestorbenen Antipoden Thomas Kling – zu Helden der vorigen Generation zu erklären, verbietet sich schon deshalb, weil die Altersspanne der „Bella triste“-Autoren noch weiter zurückreicht. Zwischen dem Ältesten, dem 1952 geborenen Franz Josef Czernin, und der jüngsten, der 1982 geborenen Ann Cotten, klaffen 30 Jahre. Selbst wenn man Czernin nur als poetologischen Grandseigneur einer sprachexperimentellen österreichischen Schule betrachtet, kommt man mit Norbert Hummelt, Lutz Seiler und Ulf Stolterfoht immer noch auf einen Ambitus von 30 Jahren – mehr als eine Generation verträgt, auch wenn ihre Protagonisten mehrheitlich um die dreißig sind. Es geht offenbar also um Programme, als deren kleinstes gemeinsames Vielfaches sich aber bestenfalls Ann Cottens Dekret beschreiben lässt: „Lyrik muss nicht Königsdisziplin sein.“

Mit den Texten dieser Jungen und nicht mehr so Jungen braucht man deshalb nicht anders umzugehen. Man muss es mit ihnen halten wie Andreas Altmann mit der Poesie von Carsten Heinrich: „Ich habe seine Gedichte in der Straßenbahn gelesen, morgens um fünf, nachts und am Mittag. Ich habe sie im Wald gelesen, im Zimmer und im Zug.“ Denn natürlich sind Gedichte transportempfindlicher, raum- und witterungsabhängiger als eine sauber gearbeitete Prosa, deren Schriftbild einen schon zu egal welcher Tageszeit gleichmütiger anschaut. Erst in verschiedenen Umgebungen verraten Gedichte, was sie aushalten, was sie fordern – und was von ihnen hängen bleibt. Und das kann eine Menge sein.

Altmann hat sich beispielsweise von der Atmosphäre in Norbert Hummelts „waldschwimmbad“ betören lassen: „ich rieche / keinen chlor mehr, höre keine stimmen // ich weiß nicht, ob ich jung bin oder alt / ich sehe etwas in den augen glimmen / u. um die münder einen zug gewalt“. Uwe Tellkamp behauptet, sogar ganze Gedichte seiner Altersgenossen auswendig zu können und hat sich in eine Zeile von Crauss („herbst in der stadt“) verguckt: „bei schalem bier und / unterwegs vermisse ich kohleöfen, die mir wie früher / heimat spielen. Die chansons der zyankali bar / ha’m schon den mantel an / und’s tresenfräulein schminkt sich, bis ihr schatten glänzt“. Und Henning Ahrens bewundert eine Zeile von Henning Ziebritzki: „dein Atem im Schlaf, gleichmäßig / die Züge eines Schwimmers vor einer Klippenküste“.

Was es jedoch ist, das einen anzieht: ein Gedanke, eine Empfindung, eine Stimmung, eine Metapher – es lässt sich nicht entscheiden. Außer man fasst es so allgemein wie Norbert Hummelt, der angesichts der Faszination beim Lesen von Lars Reyers Leipzig-Gedichten erklärt: „Abblätternder Kalk, staubige Stufen, Essensgerüche, Kellertüren, knackendes Holz: all das kann jeder sehen, aber es so zu schildern, dass ich selber dort bin, das kann nur ein Dichter.“

Im Grunde müsste man jedes einzelne Gedicht Zeile für Zeile so auseinandernehmen, so wie es Joseph Brodsky in seinen Vorlesungen über Rilke, Frost und Auden getan hat: gegebenenfalls auch, um festzustellen, dass es sich gar nicht lohnt – oder dass sich die Texte gegen jede noch so behutsame Sinnextraktion sperren. Steffen Popps absurde, mit expressionistischem Flackern ausgeleuchtete Halluzinogene lassen sich ebenso wenig in eine andere Sprache übersetzen wie die kühlen „Festkörpergedichte, die mit den Aggregatzuständen eines spätkapitalistischen Feelings flirten“ (Sabine Scho). Ulf Stolterfoht findet dafür die streitbare, aber schöne Arbeitshypothese: „Gedichte liest man nicht, um sie zu verstehen, sondern um das Verstehen ein bisschen besser zu verstehen.“

Die wenigen Beispiele zeigen, dass von einem gemeinsamen Generationsprojekt nicht die Rede sein kann, weder im Ton noch in den Themen: Was hätten Nico Bleutges ichlose Wahrnehmungsexerzitien mit Monika Rincks rabulistischen Schnurren miteinander zu tun, was Ron Winklers gegen den technizistischen Strich gebürstete Naturlyrik mit Anja Utlers an der russischen Moderne geschulten, gedankenstrichverzierten Wortpartikelhaufen? Jan Wagners Essay über „Formen junger Lyrik“ im „Text + Kritik“-Heft trägt seinen Titel, ohne den Hauch eines bösen Untertons, zu Recht: „Vom Pudding“.

Die Gruppenbildung ist daher, obwohl es auffällig viele experimentelle Dichter im Gefolge der Wiener Schule und des rheinländischen Sprachgeologen Klin gibt, nur am Rande die Folge ästhetischer Prämissen. Sie ist ein wesentlich soziales Ereignis nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Das dient auch als Demonstration gegenüber dem Ausland. Ron Winkler hat mit dem Band „Schwerkraft“ jetzt eine Anthologie junger amerikanischer Lyrik ähnlich heterogenen Ursprungs herausgegeben, die ohne die übersetzerischen Patenschaften von Nicolai Kobus, Steffen Popp und Uljana Wolf nicht zustande gekommen wäre.

Das Internet spielt dabei eine segensreiche Rolle – mit dem Forum der 13 (www.forum-der-13.de), Hendrik Jacksons www.lyrikkritik.de oder der Plattform www.lyrikline.org. Nur dass die zeitgenössischen Lyriker, die eine Schar von wilden, leidenschaftlichen Autodidakten zu sein schien, neuerdings am Leipziger Literaturinstitut zu Bachelor-Poeten ausgebildet werden und bei Norbert Hummelt oder Michael Lentz das sogenannte Grundmodul Lyrik belegen, klingt nach schierem Horror. Aber auch das gehört zum „goldenen Zeitalter“, von dem Henning Ahrens in seinem Essay „Befreiung von den Betonköpfen“ schreibt: „Vieles ist in Bewegung, und Bewegung erzeugt Reibung, und Reibung ist fruchtbar, auch wenn es manchmal knirscht.“ Wer hat gesagt, dass dabei nicht interessante Töne entstehen?

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