Kultur : Und wieder ein Theater weniger?

Nach dem Rausschmiß des Regisseurs Einar Schleef und dem Rücktritt des Intendanten Martin Wuttke stellt sich für das Berliner Ensemble die Überlebensfrage so dringlich wie nie zuvorVON GÜNTHER GRACKDie erste Reaktion: Schmeißen wir ihn hin, den Kram! Machen wir Schluß mit einem Berliner Ensemble, das seinen Namen nicht mehr wert ist! Haben wir nicht schon Sorgen genug, die Bühnen der Stadt in diesen Zeiten des knappen Geldes am Leben zu erhalten? Sollen wir da auch noch Verständnis dafür haben, daß die Brecht-, die Müller-, die Wuttke-Bühne mehr und mehr mit ihren Problemen und Querelen von sich reden macht als mit als mit Aufführungen, die das Hinsehen lohnen? Ein Theater, das seinen interessantesten Regisseur feuert, ja das noch nicht einmal versteht, seinen besten Schauspieler, den es selbst zu seinem Intendanten erkoren hat, auf diesem Stuhl zu halten - ist es noch zu retten? Tun wir nicht besser daran, das Geld, das es kostet, den anderen Bühnen zu geben, damit wenigstens sie ihre Arbeit auf hauptstädtischem Niveau weitermachen können? Also: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende! Die zweite Reaktion: Was denn, wollen wir freiwillig ein Theater aufgeben? Schon wieder? Haben wir das Schiller-Theater und die Freie Volksbühne an das schnöde Musicalbusiness verkauft, um nun abermals eine Bühne von literarischem Anspruch zu verlieren? Kann unsere Stadt leichtfertig auf das Aushängeschild verzichten, als das dieses Berliner Ensemble seit Brechts Zeiten weltweit gilt? Wollen wir uns die Blamage leisten, das Haus des großen b.b.ausgerechnet zu dessen 100.Geburtstag, der hier 1998 zu feiern ist, dichtzumachen? Keine Frage, jetzt heißt es, die Nerven zu behalten und den Karren aus dem Dreck zu ziehen.Allerdings, es kann dies nicht unsere Aufgabe sein, die wir als Zuschauer ins Theater gehen - da ist vielmehr das Theater selbst gefordert. Die dritte Reaktion: Schon wieder stellen sich Bedenken ein.Hat die Leitung des BE die Kraft für diese Herkulesarbeit? Sind es nicht gerade die vermeintlich vereinten Kräfte, die seit der politischen Wende immer wieder versagt haben? Erinnern wir uns: Nach dem Rücktritt des seit 1977 amtierenden Intendanten Manfred Wekwerth im Frühjahr 1991 und wechselnden Interimsleitern wurde das Theater im Herbst 1992 privatisiert, mit dem Berliner Senat ein Subventionsvertrag geschlossen und ein Fünfer-Direktorium eingesetzt, bestehend aus Matthias Langhoff, Fritz Marquardt, Heiner Müller, Peter Palitzsch und Peter Zadek.Soviel gute Namen! Und doch, von guter Zusammenarbeit kann kaum die Rede sein: Langhoff geht schon nach einer Spielzeit seiner Wege, und Anfang 1995 scheidet Zadek aus - er kann das "Brutalo-Theater" Einar Schleefs nicht länger ertragen, des Regisseurs, der dem Haus mit Rolf Hochhuths "Wessis in Weimar" wider den Willen des Autors den größten Erfolg eingebracht hatte.So wird Heiner Müller im März 1995 alleiniger künstlerischer Leiter, ringt sich mit seiner Inszenierung von Brechts "Arturo Ui" seinerseits einen großen Erfolg ab und stirbt am 30.Dezember.Übrig bleiben als Gesellschafter des Theaters Marquardt, Palitzsch und der Geschäftsführer Peter Sauerbaum.Einen Monat später findet sich dann auch ein Intendant: der gloriose Ui-Darsteller Martin Wuttke - dem 33jährigen Schauspieler steht in seiner neuen Position, von der er sich zu Müllers Lebzeiten gewiß nichts hätte träumen lassen, stellvertretend ein junger Regisseur zur Seite, Stephan Suschke.Nicht zu vergessen ein Dramaturg, Carl Hegemann. Was auch immer letzthin an Schwierigkeiten zu bewältigen gewesen sein mag, es spricht nicht für die Integrationskraft dieses Teams, daß es sich mit Einar Schleef überworfen hat.Der Autor-Regisseur, dessen Inszenierungen, zuletzt Brechts "Puntila", allemal Provokationen sind, sorgt damit freilich zugleich für Attraktionen - für jenen Interessantheitsgrad, den das Berliner Ensemble so dringend braucht.Am besten weiß dies der Schauspieler Wuttke selbst, der ihm seit einem Jahrzehnt verbunden ist, von einem Frankfurter "Hamlet" über das Berliner "Faust"-Projekt, das dann 1993 nur ein einziges Mal zur Mitternachtsstunde auf die Freitreppe des geschlossenen Schiller-Theaters gelangt ist, bis zu jenem "Wessi"-Triumph am BE.Wuttkes Pressemitteilung zu seinem Rücktritt spricht zwar zunächst von seinem Hader mit der Kulturverwaltung, also davon, daß "bis heute" - 4.Dezember, 21 Uhr - "keine verbindliche Zusage gekommen" sei, "die es dem Berliner Ensemble ermöglicht, über das Jahr 1998 hinaus handlungsfähig zu sein", sie endet jedoch mit dem Satz: "Mit der fristlosen Kündigung von Einar Schleef ist eine weitere Grundvoraussetzung für meine Weiterarbeit als Intendant verlorengegangen." Da tritt er ins Scheinwerferlicht: der Dissenz zu den anderen Köpfen, die am BE das Sagen haben oder, wie die Brecht-Erben, das Sagen haben möchten.Nun sind die Herren Marquardt, Palitzsch, Sauerbaum gefordert, den Kunsttempel am Bertolt-Brecht-Platz vor dem Zusammenbruch zu bewahren.Aus Gerhart Hauptmanns "Webern", die Schleef im Frühjahr 1997 auf die Bühne bringen wollte, wird jetzt nichts, und damit ist der einzige Inszenierungsplan, den das BE für die zweite Hälfte der laufenden Saison bekanntgegeben hatte, schon einmal geplatzt.Was also will man dem Publikum demnächst vorsetzen? Der Dezemberspielplan hangelt sich über einen einzigen "Ui", die Derniere von "Duell Traktor Fatzer", ein paarmal den hübschen Ionesco, ein paarmal die weniger hübsche Hitler-Geliebte bis zur nächsten Premiere, auf der nun ein beängstigender Erfolgszwang lastet: Chaplins "Monsieur Verdoux", inszeniert von Werner Schroeter mit Wuttke in der Titelrolle.Und was dann? 1997 und erst recht 1998, wenn Brechts Geburtstag ansteht? Barbara Brecht-Schall beteuert, dafür diverse Aufführungsrechte dem BE eingeräumt zu haben, vermißt indes einen konkreten Spielplan für das Jubiläum. Die vierte und letzte Reaktion - nein, für den Kultursenator sollte sie die erste sein: nämlich Überlebenshilfe zu leisten.Es geht nicht an, daß er es seinem Pressesprecher Wallrabenstein überläßt, den Rücktritt Wuttkes zu bedauern, nicht ohne den altklugen Hinweis, es sei "schade, daß ein junger Schauspieler die ihm gegebene Chance nicht nutze".Selbstverständlich ist es zunächst einmal die Sache des Berliner Ensembles selbst, seine Probleme zu lösen.Ebenso selbstverständlich aber müßte es sein, daß eine verantwortliche Kulturpolitik, die das Theater mit öffentlichen Mitteln bezuschußt, ihm in seiner Not mit entsprechender Tatkraft beisteht.Bei allem Verständnis für die Sorgen, die sich Peter Radunski auch um Wissenschaft und Forschung machen muß: als Kultursenator steht er in einer Tradition, die übrigens ein anderer CDU-Mann, Joachim Tiburtius, begründet hat.Von einem Politiker ist auf diesem Posten zweierlei zu erwarten: Autorität und Interesse.

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