Kultur : Unesco-Welterbeliste: Die Macht der alten Europäer

Thomas Veser

Wie üblich hat die Unesco am Jahresende beschlossen, welche neuen Stätten auf die gemeinsame Welterbeliste aufgenommen werden. Mit 61 Neuzugängen ist die Zahl diesmal ungewöhnlich hoch ausgefallen. Mehr als die Hälfte der Stätten, deren Hinzunahme das Welterbekomitee bekannt gegeben hat, liegt in Europa. Zeugnisse aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit dominieren, architektonische und technische Meisterleistungen der vergangenen zwei Jahrhunderte sind nur in geringem Umfang vertreten.

Durch den Aufnahmeschub hat sich die chronische Unausgewogenheit nochmals verstärkt. Können zwei Drittel der Unterzeichnerstaaten weniger als drei Einträge vorweisen, liegt die Hälfte der eingeschriebenen Stätten in nur 20 Ländern. Lediglich ein knappes Fünftel der akzeptierten Neuanträge, vor allem in Brasilien und Malaysia, bezieht sich auf das natürliche Erbe der Menschheit: Auf der Gesamtliste nehmen Naturgüter, wahrlich schwerer zu schützen als Kathedralen, derzeit einen Anteil von einem Viertel ein.

Dass die tendenziell einseitige Zusammenstellung kultureller und natürlicher Schätze der Menschheit noch als repräsentativ bezeichnet werden kann, wird immer offener infrage gestellt. Seit Jahren appelliert das Welterbekomitee an die Mitgliedsstaaten, weniger konventionelle Stätten auf ihre Antragslisten zu setzen und verstärkt kaum vertretene Kulturerbetypen zu nominieren. Alle Mühe war umsonst, wie die langen Antragslisten der größeren Staaten, vor allem aus Europa, bewiesen. Spanien tat sich durch besonderen Eifer hervor - und schnitt dabei gar nicht schlecht ab: Von sechs Vorschlägen nahm das Komitee fünf an.

Deutschland erzielte zwei Erfolge und ist mittlerweile bei 24 Einträgen angekommen. Neu auf der Liste stehen das einzigartige Gartenreich Dessau-Wörlitz (siehe Tagesspiegel vom 29. 12.) und die mit romanischen Fresken geschmückten drei Kirchen auf der Bodensee-Klosterinsel Reichenau.

Neu auf der Liste erscheinen Aserbeidschan mit dem Khan-Palast in der Hauptstadt Baku, die nicaraguanische Ruinenstadt León Viejo aus der Kolonialzeit und das südamerikanische Surinam. Sein zentrales Naturreservat ist auf 1,6 Millionen Hektar Fläche überwiegend mit artenreichen Tropenwäldern überzogen. Für eine Überraschung sorgte Belgien, das die Welterbekonvention erst vor wenigen Jahren unterschrieben hat und diesmal gleich vier Neuzugänge verzeichnet, darunter die Kathedrale von Tournai. Damit dürfte auf der Unesco-Liste nun wirklich kein Gotteshaus von Bedeutung mehr fehlen. Immerhin zählt Belgien mit der Aufnahme der Schiffshebeanlagen des Canal du Centre aus dem 19. Jahrhundert zu den wenigen Ländern, deren Kulturerbeliste chronologisch ausgeglichen ist.

In Lateinamerika darf die Aufnahme der 14 Holzkirchen im chilenischen Chiloé als Meilenstein gewertet werden. Denn damit würdigte das Komitee, das einer sehr europäisch inspirierten Vorstellung von Denkmalpflege verpflichtet ist, die lange Zeit herablassend belächelten volkstümlichen Meisterleistungen chilenischer Zimmerleute.

Damit stehen auf der Welterbeliste 691 Orte in 122 Staaten. Die Popularität der Welterbekonvention von 1972 bringt die Angehörigen des Komitees, das die Antragsflut kaum noch meistern kann, allerdings zunehmend in Bedrängnis. Des Mahnens müde, will es das inflationäre Wachstum des Einzigartigen bremsen und damit den Vorwurf der Beliebigkeit entkräften. Im ersten Schritt wird das Komitee einer Reform unterzogen. Es erhält als neuen Direktor den italienischen Urbanisten Francesco Bandarin, der Klaus von Droste zu Hülshoff (Deutschland) folgt. Die Zahl der Neuaufnahmen, über die künftig im Sommer entschieden werden soll, darf jährlich 30 Stätten nicht überschreiten. Von diesem längst überfälligen Regulativ erhofft sich das Komitee von den Antragstellern künftig weniger und vor allem stichhaltigere Vorschläge.

Für das Jahr 2002 hatte das Gremium zunächst eine "Nullrunde" angekündigt, musste jedoch auf Veranlassung einiger Signatarstaaten einen Kompromiss eingehen: Anträge, die bis Ende 2000 eingegangen sind, werden nun doch berücksichtigt. Kompromisse gehören auch künftig zur Tagesordnung. Denn das Welterbekomitee besteht aus nationalstaatlichen Delegierten, die bei den Abstimmungen die Interessen des eigenen Landes vertreten müssen. Den Statuten zufolge besitzt das Komitee aus gewählten Vertretern lediglich das Recht, über eingereichte Anträge zu entscheiden, es darf selbst keine Vorschläge unterbreiten. Daher können die Delegierten nur sehr begrenzt gegen die Unausgewogenheit auf der Liste vorgehen. Tatsächlich befinden sich die Delegierten in einer Zwickmühle: Es bleibt ihnen nur das Mittel des sanften Drucks, da Mitgliedsländer, deren Begeisterung für die Konvention ungebrochen anhält, nicht verärgert werden sollen. Und so beschränkt man sich auf institutionelle Eingriffe gegen die regionale Unausgewogenheit. Europäische Staaten halten gegenwärtig ein Drittel der 21 Sitze. Diese Zahl soll auf 28 steigen, gleichzeitig will man chronisch untervertretenen Staaten der Dritten Welt eine feste Anzahl von Sitzen reservieren. Ferner wird die bisher sechs Jahre betragende Amtszeit der Delegierten auf vier Jahre verkürzt. Denn auch ein schnellerer Rotationsrhythmus würde erlauben, mehr Staaten in Entscheidungsprozesse einzubinden. Ferner will das Komitee künftig Drittweltstaaten unterstützen, die aus eigener Kraft keine Anträge formulieren können. Gemeint ist in erster Linie Afrika, das sich auch diesmal wieder mit der Rolle des Schlusslichts zufrieden geben musste. Außer der Kolonialsiedlung auf der senegalesischen Atlantikinsel Saint-Louis nahmen die Delegierten Sansibars Altstadt hinzu. Als einstige Residenz der Sultane von Oman ist Afrikas älteste vorkoloniale und noch bewohnte Stadt bereits stark vom Verfall geprägt.

Aber für die Länder der Dritten Welt gilt tatsächlich: besser spät unter Schutz gestellt, als überhaupt nicht. Auf diesen Aspekt sollte sich die Unesco-Welterbekommission konzentrieren, statt den reichen Ländern mit großzügiger Aufnahme in ihre Liste lediglich Werbeargumente für den boomenden Tourismus zu liefern.

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