Ungarn : Aufstand in der Lügenfabrik

Mein Leben im Babygeruch und die neue Regierung im Land: Eine persönlich-politische Momentaufnahme aus Ungarn.

Noémi Kiss

Ab heute steht für mich der Name Ungarn für zwei Länder. Das eine ist unser Schlafzimmer, in dem unsere beiden Neugeborenen schlafen, das andere liegt jenseits des Fensters – dort hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Vor einer Woche haben die Bewohner dieses Landes die alte Regierung abgewählt, sie wünschen sich eine neue, eine ziemlich neue sogar. Hier drinnen ändert das nichts, wir leben im Babygeruch, einer dichten, intimen Luft, in der wir unsere Zukunft pflegen. Draußen jedoch werden die Uhren umgestellt: Die Wähler wollen mit großer Mehrheit etwas anderes als das, was in den letzten Jahren geschehen ist. Der Lockruf war gerade die Veränderung. Ein billiger, subjektiver, aber wirksamer Slogan. Sein Wahrheitsgehalt wird sich jedoch erst in den nächsten vier Jahren allmählich herausstellen.

Die Worte passten gut zu den Krawatten der Politiker, keiner nahm sie ernst. Nicht die Politiker wollen hier die Veränderung – sie gehören bei uns der betuchten Elite an, wenn es nach ihnen ginge, würden sie für immer gemütlich herumsitzen –, sondern die Wähler, die seit der Wende zu einer großen Mehrheit herangewachsene Gruppe der Unzufriedenen.

Mein Körper hat sich innerhalb kürzester Zeit verändert, er funktioniert ganz anders als vorher, nach der Geburt lebe ich nicht mehr in Tagen, nur noch in den Zeiten zwischen zweimal Stillen; egal, ob es draußen Tag oder Nacht ist, hier drinnen muss Ordnung herrschen, sonst kommt es zum Zerfall.

Zwei hungrige Mäuler schreien nach mir, Zwillinge. Sie kontrollieren und beobachten mich, ich kann mir keinen Fehler erlauben. In unserem Zimmer kann auch eine Nuckelflasche ernsthafte Konsequenzen haben. Von außen gesehen ist das der Frieden schlechthin, Familienidylle, eine kleine Angelegenheit. Die Innenperspektive: lautes Weinen, Bitten, Fordern und die heimliche Besorgnis, ob ich auch alles richtig gemacht habe. Es gab letztlich keine andere Wahl, als die alte Regierung abzuwählen. Ich habe nichts von meinen Prinzipien aufgegeben, muss jedoch gestehen, meine Stimme auch für die Veränderung abgegeben zu haben, für die konservativen Seite. All dies ist mit einer ziemlich einfachen Sache zu erklären, einer, die in der Literatur Pflicht ist, in der Politik jedoch eher behutsam gehandhabt werden sollte: Ich spreche von der Lüge.

Ungarn ist zum Land der kleinen, mittleren und ziemlich großen politischen Lügen geworden, zur Brutstätte des Vertrauensverlustes an das gegebene Wort. Die vorangegangene Regierung hat so gut wie keine einzige Reform durchgeführt, und die Wähler, auch die eigenen, waren verbittert. Alles in allem war es wahrscheinlich die Dreistigkeit, worüber die Menschen nicht mehr hinwegsehen konnten.

Sie haben dem ehemaligen Ministerpräsidenten der sich jetzt verabschiedenden Partei nicht verziehen, ihnen in seiner berühmt gewordenen Rede dieses Wort, die Lüge, wie eine heute ganz selbstverständliche Begleiterscheinung der Politik ins Gesicht geschleudert zu haben: Wir haben gelogen, früh, mittags und abends – na und, was soll’s. Und sie haben weitergemacht. Im Sozialismus hätte sich darüber nun wirklich keiner gewundert, die Lüge war eine alltägliche Tatsache, die Menschen sind früh in die Lügenfabrik arbeiten gegangen. In einer jungen Demokratie ist es jedoch besonders peinlich, so etwas ohne Scham und auch noch als linker Politiker einzugestehen.

Am Wochenende wurden sie von der wohlverdienten Strafe ereilt. Diese fällt nicht unerheblich aus, denn wie es aussieht, wird jetzt mit großer Mehrheit eine Mitte-Rechts-Partei regieren dürfen. Ja, davor haben nun alle große Angst, aber warten wir lieber ab, was kommt. Wie viele andere würde ich anstelle von Werbesprüchen lieber eine reife, weitreichende und klar umrissene Demokratie spüren. Diese hält sich jedoch vorerst noch eher im Verborgenen, taucht hier und da auf, wird verletzt und bricht zusammen. Demokratie – das ist in dieser Region im Augenblick nur ein Wort und gehört nicht annähernd zur täglichen Praxis. Ich bin müde und erschöpft. Ich habe keine Zeit zum Schlafen, und auch das hat ernsthafte Konsequenzen, manchmal lasse ich mein Kind fast fallen.

Auch die Wähler sind erschöpft. Zwei Kinder stillen, viermal am Tag kurz schlafen, das ist wirklich eine neue Zeitrechnung. Winzige Angelegenheiten werden riesengroß, und die beiden Kinder sind Last und Möglichkeit zugleich. Diejenigen, die am Wochenende zur Wahl gegangen sind, haben der Politik die letzten Tropfen ihres Vertrauens geschenkt. Denn im Grunde glaubt „ihnen“ keiner mehr. Zeig dich mit keinem Politiker, sprich mit keinem. Meide ihn wie die Pest. Wenn du dennoch hören solltest, dass er etwas sagt, ignoriere es, denn er wird mit Sicherheit genau das Gegenteil tun. Wer dem Wort eines Politikers Glauben schenkt, ist einfach unterbelichtet.

Auf der Basis dieser kruden Grundeinstellung muss der neue Ministerpräsident nun regieren. Es ist klar, dass er eine neue Sprache sprechen wird, sonst könnte es zu keiner neuen Zeitrechnung kommen. So habe ich ihm meine Stimme gegeben. Es ist schwer, an die Veränderung zu glauben, ich sehe mich jedoch dazu gezwungen. Sonst hätte ich keine Zukunft, sonst hätten die beiden hinter mir schlummernden Kinder keinen Sinn.

Sie schlafen, es ist abends. Sie träumen und bereiten sich zunächst erst physisch auf das Leben vor, sie wachsen nur, verlangen noch nicht einmal nach Worten, brauchen nur etwas Licht, eine Melodie, die Brust und die Nuckelflasche. Ich kann ihnen vorerst alles einreden, sie würdigen mich keiner Antwort. Dann werde ich sie großziehen, sie werden Rechte haben und Fragen. Sie weinen, bitten, fordern und kontrollieren mich. Ich werde ihnen beibringen müssen, wie sie sich zurechtfinden können. Ihnen Unterricht in Demokratie geben. Wenn ich nicht die Wahrheit sage, werden sie mich abschreiben.

Was kann ich ihnen darüber erzählen, wo wir leben? Wer wir sind? Wohin wir gehen? Ich werde ihnen sagen, eure Heimat wird mit euch zusammen aufwachsen. Heimat? Vielleicht nenne ich es eher ein Zuhause, eine Wohnung, im 14. Budapester Bezirk, von wo aus wir nur hin und wieder verreisen, wohin wir aber stets zurückkehren. Wir kommen nach Hause, in Ordnung? Ich hoffe, meine Kinder werden, wenn sie in die Pubertät kommen, nicht als Erstes nicht die gleichen Gedanken haben wie wir 1989, als die Grenzen geöffnet wurden: nur weg von hier, so schnell wie möglich.

Osteuropa ist momentan das Neugeborene der Demokratie. Bei uns denkt man, die Ungarn wurden stets vom Schicksal geschlagen, die Geschichte hat uns ein Bein gestellt. Aus dieser Sicht, aus der Kränkung heraus, wählen wir auch unser Parlament. Wir sind berühmt dafür, nicht zu vergessen, gleichzeitig ist unser Gedächtnis ziemlich selektiv. Dafür, wie wir uns selbst, als Erwachsene, regieren müssten, haben wir noch keine zuverlässigen Begriffe gefunden. Die Ungarn sagen nie Kleinungarn, sie sagen immer Großungarn und denken dabei fortwährend, die Bewohner eines Zwergstaates zu sein. Man will Ungarn künstlich mästen. Dabei wäre es schon ausreichend, die Zukunft dieses kleinen Landes nun zum Guten zu wenden.

Die Erzählerin, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin Noémi Kiss, 1974 in Gödöllo geboren, hat 2009 im Verlag Matthes & Seitz den Geschichtenband „Was geschah, während wir schliefen“ veröffentlicht. Zusammen mit Tilman Rammstedt tritt sie am 24. April bei einem von der Berliner Lelbach Stiftung initiierten deutsch-ungarischen Autorentreffen in Budapest auf. Den hier abgedruckten Essay hat Timea Tankó übersetzt.

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