Ungarn : Feuer der Erinnerung

Ungarns dunkle Drohung: Über den Wahlerfolg der rechtsextremen Jobbik-Partei.

György Fehéri

Meine Freunde, die Mitarbeiter anderer Kulturinstitute jenseits des Collegium Hungaricum, an dem ich arbeite, ein Nachbar, mein Arzt – alle fragen nach den Wahlergebnissen in Ungarn. Dass es nicht einfach ist, sich im Labyrinth der Pressemeldungen und Analysen zurechtzufinden, zeigt auch eine übertrieben besorgte Mail in meinem Briefkasten: „ P.S.: Ansonsten hoffe ich, dass Euer Institut jetzt nicht geschlossen wird oder Ihr alle entlassen werdet ...“

Eigentlich hätte ich in diesen Tagen in Ungarn sein müssen, um an der Budapester ELTE-Universität ein Seminar über Film und Holocaust zu halten. Am Sonntag aber, dem Wahltag in Ungarn, fing ich gegen Mittag an zu zittern, hatte zwei Stunden später über 39 Grad Fieber und musste die Reise absagen.

Was wollte mir mein Unterbewusstsein bloß mitteilen, warum zwang es mich, hierzubleiben – oder hatte ich einfach nur zufällig gerade jetzt einen banalen Infekt? Dass das Seminar ausfällt, macht mich persönlich sehr unglücklich. Umso mehr, als ich immer wieder auf der ungarischen Website „Index“ auf die Wahlergebnisse stoße: Die Partei Jobbik ist nach der ersten Runde mit 16,66 Prozent im Parlament. Jobbik, also „Die Bessere“ oder, weil das Wort zweideutig ist, auch „Die Rechtere“.

Das Fieber kann mein schlechtes Gewissen nicht unterdrücken: Ich hatte in dem Seminar etwas auch für mich selbst existenziell Wichtiges über das Thema Holocaust und Film vermitteln wollen. Und dies wäre seit Sonntag wichtiger denn je. 16,66 Prozent für die extreme Rechte!

Ich wollte in Budapest auch eine Parabel aus Christoph Münz’ Buch „Der Welt ein Gedächtnis geben“ erzählen, über Generationen großer Rabbiner, die immer wieder versuchten, das Unheil abzuwenden, das ihr Volk bedroht. Doch Generation für Generation wurden die Erinnerungen schwächer, und die Rabbiner wussten weniger über die alten Riten. Wo der Ort, an dem man versucht, Wunder zu wirken, überhaupt zu finden wäre. Wie man das Feuer entzündet und das notwendige Gebet spricht. „Dann kam der Rabbi Israel von Rizzin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag nicht einmal den Ort im Walde wiederzufinden. Alles, was ich tun kann, ist, diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen.“

Auch wenn meine ehemaligen Kollegen an der Universität entsetzt über die große Zahl rechtsorientierter Studenten berichten – für diejenigen, die mein Seminar besuchen sollten, träfe das wohl eher nicht zu, denn die Veranstaltungsreihe ist Teil eines jüdischen Programms innerhalb der Germanistik. Ich hätte kein Grundwissen über den Holocaust vermitteln müssen, vielmehr wäre das Anliegen gewesen, diese Studenten von einem Auftrag zu überzeugen.

1974 stellte Mária Ember ihrem Buch „Schleuderkurve“ über die Judenverfolgungen in Ungarn einen Gedanken voran, gesetzt in ihrer Handschrift, damit er größeres persönliches Gewicht bekomme: „Der Gegenstand dieses Buchs ist nicht das jüdische Schicksal. Was dieses Buch erzählt, ist ungarische Geschichte.“

Diese „Lese-Gebrauchsanweisung“ der Autorin ist leider noch bei keiner bisherigen Neuauflage überflüssig geworden. Es ist nicht einfach, mit Freude Bürger eines Landes zu sein, in dem über 16 Prozent die Rechtsextremisten wählen, jene also, die in Interviews verbreiten, eigentlich seien zwei Drittel der Bevölkerung ihre Wähler, diese Wähler wüssten es nur noch nicht. Immerhin hat die nationalkonservative Fidesz-Partei die absolute Mehrheit errungen. Doch es ist nicht einfach, mit der Sorge umzugehen, ob die neue Regierung unter Viktor Orban genügend Kraft und Mut aufbringt, sie zu stoppen. Jobbik will die traditionell gefürchtete Gendarmerie wieder aufstellen, schon marschiert die „Ungarische Garde“, die verbotene Schutztruppe von „Jobbik“, nicht nur durch die Hauptstadt, sondern auch durch Roma-Siedlungen und droht, die „Roma-Kriminalität“ aus der Welt zu schaffen – dies nur als Beispiel für die Bedrohung.

Für mich ist dies so wichtig, da ich zwar in Deutschland arbeite und in Berlin wohne, kulturell aber auch in Ungarn lebe. Ob es in einem Jahr die Vielfalt von Presse, Büchern, Ausstellungen, Veranstaltungen, also von Kultur und Kunst, so in Ungarn noch geben wird? Wir wissen, es genügt nicht, dass sie erlaubt sind, sie müssen auch unterstützt und finanziert werden, damit sie (über-)leben können. Sie könnten Toleranz und die Akzeptanz des Anderen befördern – Ungarn braucht dies sehr.

Nachricht aus dem Unterbewussten oder banaler Infekt: Das Fieber soll runtergehen, das Seminar muss gehalten werden. Es ist unerlässlich, über das Motto von Mária Ember mit den Studenten in Budapest zu sprechen. Sie müssen wissen, dass ihre Mitarbeit jetzt stärker denn je benötigt wird.

Der Literaturwissenschaftler György Fehéri, Jahrgang 1953, lebt seit 1983 in Deutschland. Am Berliner Collegium Hungaricum betreut er die Film- und Literaturprojekte. Als Publizist schreibt er unter anderem regelmäßig für die ungarisch-jüdische Vierteljahresschrift „Múlt és jövö“ (Vergangenheit und Zukunft).

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