Kultur : Union: Auf Augenhöhe

Robert Birnbaum

Es gibt Sätze, die kann ein Politiker nicht gut sagen. Zum Beispiel: "Glaubt bloß nicht, ich gebe mich kampflos geschlagen!" Gesagt werden muss das trotzdem mal. Also hat Angela Merkel 179 Sätze niedergeschrieben und der Tageszeitung "Die Welt" zugeschickt, um den Deutschen eine Art Vertrag anzubieten und die "Wir-Gesellschaft" zu proklamieren. Nichts in diesem speziellen Leserbrief ist neu. Aber alles zusammen ergibt jene Botschaft, die direkt zu verkünden sich verbietet. Damit sie jeder hört, vor allem bis nach München, wird die CDU-Chefin an diesem Donnerstag in Berlin vor den Delegierten ihres Kleinen Parteitags noch etwas deutlicher werden. Merkel wird sich nicht zur Kanzlerkandidatin ausrufen. Aber das K-Wort wird fallen. Und alle werden horchen, wie stark der Beifall ist.

Dass die Kandidatenfrage offiziell kein Thema ist, ändert nichts daran, dass sie insgeheim im Zentrum dieses Bundeshauptausschusses steht und nicht der offizielle Tagesordnungspunkt "Zuwanderung". Dagegen helfen auch feierliche Schwüre nicht wie jener, den sich Angela Merkel und der CSU-Chef Edmund Stoiber erst vor einer guten Woche gegenseitig gegeben haben: Dass man sich nicht in ein Rennen gegeneinander jagen lassen wolle und jeder Parteichef wenigstens seine Stellvertreter an die Kandare nehmen möge zwecks Verhinderung eines Sommertheaters.

Das Problem dieser Absprache ist, dass sie der Logik widerspricht. Zwar soll erst Anfang 2002 entschieden werden, wer für die Union gegen den Bundeskanzler antreten soll. Aber hat nicht der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos gerade im "Bayernkurier" an die gemeinsame Beschlusslage erinnert: Kriterium für diese Entscheidung soll sein, "wer die größte Chance hat, Schröder aus dem Amt zu vertreiben". Also der, der die Nase unionsintern vorn hat. Womit das Rennen eröffnet ist. Und gewinnen wird nicht, wer sich am besten zurückhält.

Immerhin klärt sich das Feld. Fraktionschef Friedrich Merz hat seinen Verzicht auf den Job erklärt, den er sowieso nicht bekommen hätte. Für Merkel nicht unbedingt eine gute Botschaft, weil ihr Merz jetzt widersprechen kann, ohne persönlicher Ambitionen verdächtigt zu werden. Der Hesse Roland Koch hat auch seinen Verzicht erklärt, was für Merkel auch keine ausschließlich gute Nachricht war: Koch wurde so deutlich, weil er angesichts einer akuten Merkelschen Schwächephase den Ruf vernahm, er möge doch zur Verfügung stehen. Koch will nicht. Noch nicht. Lieber im Jahr 2006.

Parole: Mandate bewahren

So bleiben nur noch zwei. In den letzten Wochen sah es sogar so aus, als bliebe nur noch einer - so oft, wie der CSU-Generalsekretär Thomas Goppel in Berlin unterwegs war, und so vernehmlich, wie auch aus Präsidium und Vorstand der CDU über die eigene Chefin gemeckert wurde: Führungsschwach sei sie, zu wenig richtungweisend. Auch in der Bundestagsfraktion geht weithin die Parole um: Wenn einer die Mandate wenn schon nicht vermehren, so doch wenigstens bewahren könne, dann der Mann aus München. Eine Meinungsumfrage nach der anderen weist obendrein Stoiber als aktuellen Favoriten aus. Vor allem bei den Unionsanhängern gilt der Bayer als die bessere Wahl.

Im Adenauer-Haus haben sie das nicht gern gehört. Aber aufgeben, Stoiber das Feld überlassen, tatenlos zusehen, wie die Zeit für ihn arbeitet? Das wäre das Ende der Politikerin Merkel. So hat sie sich entschlossen, das Rennen noch einmal aufzunehmen. Zwischen den Zeilen des "Welt"-Aufsatzes steht verklausuliert sogar wie: "Ich trete ein für eine moderne Politik der Mitte."

Ende letzten Jahres, in der Höhle des bayerischen Löwen, nämlich beim CSU-Parteitag, hat sie das spontan schon mal deutlicher gesagt: "Merkel ist Merkel, mit allen Risiken und Nebenwirkungen!" Das ist die eine Botschaft: Ihr müsst mich nehmen, wie ich bin. Die andere steckt darin verborgen: Mag ja sein, dass Stoiber die Konservativen im Land um sich schart - für einen Sieg reicht das Stammpublikum nicht. Da braucht es Wechselwähler. Mitte eben, nicht konservativ. Merkel will der Schröder und nicht der Lafontaine der CDU sein.

So viel immerhin kann man sagen: Angela rennt. Edmund aber auch. Am Tag vor dem CDU-Kongress reportiert der "Stern" Zitate aus einer internen CSU-Runde: Stoiber habe verkündet, er stehe "im Dienste der Partei", aber auch: "Ich muss ja nicht kandidieren." Das klingt nach überheblicher Bescheidenheit eines Siegesgewissen. Aber es klingt auch mit: Ich will Herr des Verfahrens bleiben. Ohne Risiko, das weiß Stoiber, ist die Kandidatur nicht. Es ist nicht sicher, dass er nach einer Niederlage als unumstrittener König nach Bayern zurückkehren könnte.

Aber andererseits: "Man müsste schon ein Kaltblüter sein, wenn einen so eine Aufgabe nicht reizte", sagt ein CDU-Präsidiumsmitglied. Ein Kaltblüter-Rennen werden die nächsten Monate aber bestimmt nicht. Für den 2. Juli haben Merkel und Stoiber die Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU eingeladen. Nein, heißt es offiziell, ein Schaukampf solle das Treffen im Adenauer-Haus nicht werden. Aber was für ein Vorspiel auf der Sommertheater-Bühne!

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