Kultur : Unruhig bleiben

„Wesh wesh“ in Berlin – der Film aus den Vorstädten

Jan Schulz-Ojala

Nachher auf der Potsdamer Straße, im Vorbeifahren: das Dutzend junger Männer vorm Hauseingang, dicht stehen sie beieinander oder tänzeln, während sie reden, und einer löst sich aus der Jungmännertraube, tänzelt ihnen was vor. Sozialpalast in Schöneberg, Ecke Goebenstraße: Könnte auch die Cité de Montfermeil sein in Seine St. Denis, dem neuerdings berühmten Schauplatz von „Wesh wesh, qu’est-ce qui se passe?“ ( Hey, hey, was geht hier ab?), in dem Rabah Ameur-Zaimeche herumtänzelt, vor knapp vier Jahren berühmt geworden auf der Berlinale mit seinem ersten Film. Herumtänzelt als der nach Knast und Ausweisung aus Algerien ohne Papiere heimgekehrte Kamel, nach Hause, nach Montfermeil, und nach ein paar ruhelosen Tagen auf Job- und Liebessuche erschießt ihn die Polizei auf der Flucht. „Wesh wesh“ hört fast auf, wie der Aufruhr in Frankreich anfing, „Wesh wesh“, in dessen Abspann zwei Dutzend Mal der Nachname Ameur-Zaimeche auftaucht, die ganze Familie hat Rabah mitspielen lassen, vor und hinter der Kamera, und jetzt springt er in der dritten Reihe des Babylon-Kinos hin und her: schmal, einen Schalk in den großen klaren Augen.

Sie haben ihn hergeholt, die Leute vom Babylon Mitte, um wieder seinen Film zu zeigen – aber hey, was geht hier ab, nur ein paar Dutzend Leute sind gekommen, ist das Thema Frankreich schon wieder durch, seit Sarkozy das Land mit Ausnahmezustand und Ausweisungen scheinbar befriedet hat? „Abschaum“ hat der Innenminister die randalierenden Jugendlichen genannt; Rabah Ameur-Zaimeche nennt sie den „immensen Reichtum Frankreichs“, einen Reichtum aus Hautfarben und Religionen, den das Land noch nicht begreift in seiner „vorrevolutionären Phase“, vor einer „sechsten Republik“ vielleicht, in der die Leute endlich ihre schwarzen oder arabischstämmigen Bürgermeister wählen. Nein, nein, er tönt nicht, wenn er spricht, weg mit der alten Elite, her mit der „partizipativeren Demokratie“, er träumt auch nicht, er denkt nur eine Skizze von Zukunft in die Luft. Eine Zukunft, in der das Volk vielleicht sogar seine Polizisten wählen könnte, nicht diese Fratzen von rassistischen Zivilbullen wie in seinem Film, die Kamels Mutter Tränengas in die Augen sprühen. Eine Zukunft, in der, während die Mädchen in den Wohnungen pauken, um rauszukommen aus der Banlieue, auch die Jungs sich nicht mehr bloß mit dem Dreck identifizieren, „je schlechter, desto stolzer, denn außerhalb ihrer Cité sind sie niemand und nichts“.

Einen „Sohn reicher Leute“ nennt der junge Regisseur sich ironisch, bloß weil er die Lastwagenfirma-Anteile seines Vaters verkauft hat, um mit dem Geld seinen ersten Film zu drehen. Den zweiten hat er gerade fertig geschnitten, in Algerien, fernab der ölverschmiert anmutenden riesigen Hochhaus-Wohnmaschinenräume und Betongerippe-Treppenhäuser von „Wesh wesh“: „Le cœur du bled“ (Das Herz des Kaffs) heißt er, einen „reinen, einfachen, nicht plakativen Blick“ hat Ameur-Zaimeche auf die Heimat seiner Vorfahren werfen wollen, und man meint schon die Sonne leuchten zu sehen darin, die Sonne, die nie scheint in „Wesh wesh“. Aber die Farbe des Himmels ist Zufall, das Herz des Kaffs namens Erde schlägt überall, auch in den Hauseingängen.

Noch am 29./30. 11. im Babylon Mitte

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