Kultur : Unsere Milchstraße

SIMONE MAHRENHOLZ

Wer von uns träumt nicht von einer Reise in die Milchstraße, ins Universum? Lebt davon nicht der Science-Fiction-Film? Haben wir beim imaginierten Flug in die Weiten nicht das berechtigte Gefühl, nach Hause zu kommen, zu unserem Ursprung in die zeitlose Ewigkeit? Seit dem Boom der Gehirnforschung läßt sich diese Sehnsucht auch in unendlicher Nähe ausleben: bei der Reise in unser eigenes Hirn.Es ist mindestens ebenso rätselhaft und ebenso groß.Es enthält so viele Nervenzellen wie die Milchstraße Sterne, und es ist viel besser vernetzt.Schätzen Sie mal, in maximal wieviel Schritten man über die verbindenden Fasern im Gehirn von jeder Nervenzelle zu jeder anderen kommt? Na? Nie mehr als vier! Stellen Sie sich den dazu notwendigen Verkehr in der Milchstraße vor!

Musik ist eine der höchstentwickelten menschlichen Fähigkeiten.Sie ist zugleich gänzlich emotionell und gänzlich intellektuell.Kaum ein anderes Tun versetzt so ausgedehnte Bereiche des Gehirns gleichzeitig in Aktivität.Wahrscheinlich stammt aus dieser "holographischen" Erfahrung auch das ausgeprägte Glücksgefühl, das wir bei Musik empfinden.Es "paßt" einfach irgend etwas in unserem Gehirn auf eine sehr komplexe Weise zusammen.Spätestens hier sind aber schon unendlich viele Rätselfragen aufgeworfen, die die Wissenschaft fast alle überfordern.

Der Schweizer Filmemacher Bruno Moll hat sich zu den bedeutendsten Hirn- und Evolutionsforschern der Welt aufgemacht, um sie zu interviewen, und hat auch eine Musikphilosophin und diverse Musiker dazugeholt, um das Rätsel einzukreisen.Wieso gibt es evolutionär überhaupt Musik, was passiert im Gehirn, wenn wir sie hören, wie verhalten sich Gefühle und Intellekt zueinander, und läßt sich das Denken und Fühlen unserer Seele wirklich ganz auf den Klumpen Hirn reduzieren, auf Chemie und Elektrizität?

Keine Angst.Nach diesem Film ist keine dieser ewigen Fragen beantwortet und damit zerstört.Aber wir haben mehr Stoff zum Nachdenken.Was passiert eigentlich, wenn ein Gehirn darüber nachdenkt, was es tut, wenn es nachdenkt - beißt sich hier die Katze nicht in den Schwanz? Solche Probleme haben die Philosophen jahrhundertelang gequält.Darum sehen sie es auch nicht gern, wenn Hirnforscher sich heute unbekümmert diesen Fragen widmen und bunte Bilder erzeugen, auf denen man sieht, wie die Blitze sich feuerwerksartig zwischen den Nervenzellen ausbreiten und unendlich schöne Muster bilden, die ähnliche Erhabenheit ausstrahlen wie Bachs Matthäus-Passion.Bruno Moll läßt seine Gewährsleute vor der Kamera Schaubilder malen, er läßt sie Klavier spielen, ein totes Gehirn aufschneiden und schließlich, oh Schock, einen lebenden Kopf skalpieren: eine Hirnoperation filmen.Da krümmt man sich stöhnend im Sessel, aber schreitet schnell tapfer zu so etwas wie Angstlust fort.

Leider ist der Film bei aller Unterhaltsamkeit und Anregung doch nicht so geglückt, wie das faszinierende Thema es versprochen hätte.Er unterfordert den Zuschauer.Er verläßt sich zu sehr auf seine Bilder, spart vielfach mit notwendigen Erklärungen.Zudem montiert er sein Material zu unzusammenhängend.Und fragt seine Koryphäen zu wenig aus.Insofern ist "Brain Concert" nur ein Anfang - wenngleich ein das Ansehen lohnender.Empfohlen sei bei dieser Gelegenheit auch das informative Buch von Robert Jourdain: "Das wohltemperierte Gehirn".

In Berlin nur im Kino Eiszeit

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