Kultur : Unter Bärenbrüdern

FILMFEST-PREISE Heute Abend gehen die Berlinale-Trophäen an Künstler aus aller Welt. Gemacht werden sie in Friedenau

Sebastian Leber

Hoffentlich gewinnt nicht „Invisible Waves“. Nicht, dass der Thriller keinen Preis verdient hätte. Aber der Regisseur heißt Pen-Ek Ratanaruang, und der Hauptdarsteller Tadanobu Asano. Da können sich leicht Fehler einschleichen, gerade unter Zeitdruck. „Lieber nicht“, sagt Judith Bube.

Die 22-Jährige hat heute einen stressiger Tag vor sich: Ab 7 Uhr steht sie mit drei Kollegen in der Bronzegießerei Noack in Friedenau an der Werkbank und verpasst den goldenen und silbernen Berlinale-Bären den letzten Schliff. Damit die Skulpturen am Abend an die Wettbewerbsgewinner überreicht werden können. Seit der ersten Preisverleihung vor 55 Jahren stellt der Familienbetrieb Noack die Skulpturen her – nach einer Vorlage der Berliner Künstlerin Renée Sintenis. Knapp 22 Zentimeter ist jeder Bär groß, 2,4 Kilogramm schwer und innen aus Bronze. Wahlweise mit Gold oder Silber überzogen.

Die Bären selbst sind natürlich längst fertig, schon seit Januar. Aber auf den Sockeln fehlen noch die Namen der Sieger. Weil sich die Berlinale-Jury erst gestern beraten hat, welcher Film dieses Jahr mit dem goldenen Bären ausgezeichnet und wer in den anderen Kategorien geehrt wird, bleibt für die Eingravierung der Namen nicht viel Zeit. Judith Bube benutzt dazu einen „Schriftbunsen“, das ist eine Art Meißel. Mit der Maschine ginge es schneller, sagt Firmenchef Hermann Noack. Aber dann sähe die Schrift „zu mechanisch perfekt“ aus. Mit der Hand braucht Judith Bube für jeden Buchstaben eine knappe Minute. „Wobei die geschwungenen Buchstaben wesentlich länger dauern.“ Sobald die ersten Gravuren fertig sind, bringt Firmenchef Noack sie zum Versilbern und Vergolden nach Steglitz. Dann schnell zurück nach Friedenau, die Bären müssen auf die Sockel geschraubt werden. Das macht der Chef persönlich. Anschließend wachsen, noch Filz unter den Sockel kleben und in Schatullen verpacken. Die packt Noack in sein Auto und fährt damit zum Potsdamer Platz, bis 17 Uhr müssen alle Statuen im Berlinale-Palast angekommen sein.

Bei dem Zeitdruck kann es passieren, dass den Mitarbeitern Fehler unterlaufen. Das falle aber immer erst hinterher auf, sagt Noack. Zum Beispiel 1994, da gab es bei der Gravur für den Bären des kubanischen Films „Fresa y chocolate“ einen Buchstabendreher. Die Veranstalter entschieden sich, die Preisverleihung mit fehlerhaftem Schriftzug über die Bühne zu bringen und in den nächsten Tagen nachbessern zu lassen. Regisseur Tomás Gutiérrez Alea lehnte ab, er wollte gleich am nächsten Tag nach Hause fliegen und die Statue am Flughafen von Havanna in die Kameras halten. „Der hat den Schreibfehler bis heute auf seinem Bären“, sagt Noack. Wie viel die Herstellung einer Statue kostet, verrät der Firmenchef nicht. Jedenfalls sei das einiges, und zwar mehr als für den Oscar: „Unser Preis ist schließlich eine richtige Kunst-Skulptur, der Oscar eher ein Designobjekt.“ Natürlich sei der ideelle Wert des Oscars etwas höher. Der des Bären aber hoch genug, dass Sammler Jagd auf ihn machten. So wurde Roman Polanskis Trophäe von 1965 gestohlen.

Noack ist „ziemlich stolz“, dass sein Betrieb jedes Jahr die Bären herstellen darf. Andererseits kann die Gießerei noch andere bekannte Projekte vorweisen: die Henry-Moore-Statuen vor der Neuen Nationalgalerie, die Flamme am Ernst-Reuter-Platz, auch die Quadriga. Zurzeit arbeitet sein Team an mehreren Skulpturen gleichzeitig, da hatte er gar keine Zeit, auf der Berlinale Filme anzuschauen. Auch an der heutigen Preisverleihung wird er nicht teilnehmen. Obwohl Noack jedes Jahr eine Freikarte kriegt. Einmal sei er hingegangen, „das war aber nicht meine Branche“. Seitdem verschenkt er die Karte jedes Jahr an seine Schwester.

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