Kultur : Untergang der Kursk: "Zivilgesellschaft und Bürgertum sind gering entwickelt"

Auf der Kursk hat es doch Überlebende gegeben

Klaus Segbers (46) lehrt Politikwissenschaften am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

Auf der Kursk hat es doch Überlebende gegeben. Welche Wirkung hat ein so spektakuläres Versagen offizieller russischer Stellen auf das Verhältnis von Bürger und Staat?

Die Nachricht wird keine großen Auswirkungen haben. Denn die Leute in Russland erwarten nicht sehr viel an freundlicher Zuwendung von Seiten ihrer Obrigkeit. Ihre negative Erwartung wird nur ein weiteres Mal bestätigt.

Wie erklären Sie eine solche Haltung?

Anders als in den westlichen Ländern, gab es in Russland keine Aufklärung, keine Renaissance und keine Reformation. Stattdessen existiert eine stark patrimoniale Verfassung - das heißt, der Staat war und ist für alles zuständig. Es gab immer eine große Betonung des Gewaltmonopols und der zentralen Steuerung des Volkes. Bürgertum und Zivilgesellschaft sind darum wesentlich geringer entwickelt.

Das klingt wenig optimistisch.

Es gibt auch erfreuliche Entwicklungen. So hat sich in den letzten zehn Jahren in einigen GUS-Staaten und auch in Russland ein Mittelstand entwickelt, der stark zunimmt. Die Jugend ist weltoffen und interessiert. Das stimmt mich insgesamt hoffnungsfroh.

Ist das Kursk-Unglück für diesen positiven gesellschaftlichen Trend ein Rückschlag?

Ich denke nicht. Das zeigen die Umfragewerte für Präsident Putin, die nicht sehr eingebrochen sind und wieder auf ihrem früheren hohen Niveau liegen. Das kann man doppelt deuten: Entweder die Leute erwarten nichts von ihrem politischen Personal. Oder das Kursk-Unglück war für sie nicht ein so schwer wiegendes Versagen.

In Belgien sind 1996 während der Dutroux-Affäre 300 000 Menschen in Brüssel auf die Straße gegangen und haben gegen Korruption, Filz und Unfähigkeit der Justiz protestiert. Warum passiert so etwas nicht in Moskau?

Auf kommunaler und regionaler Ebene gibt es schon jetzt sichtbare Bürgerbewegungen. Dass solche Proteste jedoch nicht in nationalem Maßstab stattfinden, hat zwei Ursachen. Zum einen liegt es an den anderen historischen Voraussetzungen. Zum anderen haben die jungen Leute und die neuen Mittelschichten aus ihrer Sicht dafür keine Zeit. Wenn jemand in einem Start Up-Unternehmen tätig ist, dann beansprucht das seine ganze Kraft. Diese jungen Leute sind zwar gut unterrichtet, aber sie sind politisch nicht wirklich interessiert. Größere öffentliche Proteste gegen Staatsversagen bleiben aus, weil viele Menschen sehr hart arbeiten müssen, um Geld zu verdienen und ökonomische Nischen zu finden. Das ist ihnen wichtiger und näher, als sich in Staatsdinge einzumischen.

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