Kultur : Unterm Mantel des Sozialismus

Die Berliner Staatsbibliothek präsentiert das digitalisierte Archiv des Aufbau-Verlags

Gregor Dotzauer

Im Februar 1954 bestätigten die VEB Bekleidungswerke Fortschritt dem damaligen Verlagsleiter des Berliner Aufbau-Verlags, Walter Janka, brieflich den Erhalt einer Überweisung von 11 000 Mark. Gegenstand: der „bestellte Mantel“. Der Vorgang gibt Rätsel auf. Hat sich hier ein verdienter Antifaschist in sozialistischer Großmannssucht aus Volkseigentum bedient? Gehörte seine Bestellung zu den angeblich konterrevolutionären Umtrieben, für die er drei Jahre später in einem Schauprozess zu fünf Jahren Einzelhaft verurteilt wurde? Oder geht es um einen Geheimcode, mit dem andere Geschäfte verschleiert wurden? Das Geheimnis lüftet ein Brief Jankas an Herrn Prof. Dr. Thomas Mann. Statt wertloser Ostmark, die Mann mit der von Janka herausgegebenen Gesamtausgabe seiner Werke verdient hätte, ließ er sich sein Honorar in Gestalt eines nerzgefütterten Wintermantels auszahlen.

Man kann das mit Recht für ein Kuriosum halten, das dem Blick auf Manns großbürgerlichen Habitus nur ein weiteres Detail hinzufügt. Wer aber weiß zum jetzigen Zeitpunkt schon, welche Dokumente aus 45 Jahren Verlagsgeschichte seit 1945 das Archiv des Aufbau-Verlags sonst noch enthält? In vieler Hinsicht ist es nämlich erst jetzt, seitdem es die Berliner Staatsbibliothek digitalisieren hat lassen, benutzbar geworden. Im Handschriftenlesesaal der Staatsbibliothek, die es 1995 als Dauerleihgabe von Aufbau übernahm, kann es nun jeder Student oder Wissenschaftler nach vorheriger Anmeldung über ein Computerterminal einsehen. Ein noch zu DDR-Zeiten angelegtes Findbuch gibt einen groben Überblick, der sich in Verbindung mit einem Personenindex online noch verfeinern lässt.

Was genau sich zwischen Korrespondenzen, Lektoratsgutachten, Manuskripten und Typoskripten (und sicher jeder Menge Verwaltungsödnis) in den Beständen findet – damit werden sich noch Generationen von Germanisten auseinandersetzen müssen und sicher auch die eine oder andere Überraschung entdecken. Denn das politische Verhalten der Schriftsteller im Arbeiter- und Bauernstaat ist noch längst nicht ausreichend erforscht, und dass sich unter den Briefeschreibern auch zahlreiche Westkollegen befinden, deren Werke im wichtigsten Verlag der DDR veröffentlicht (oder auch als dekadent abgelehnt) wurden, macht die Sache zusätzlich spannend.

Man müsste nur mal in Erfahrung bringen, was Günter Wallraff dem Aufbau-Verlag so geschrieben hat. Das geht nun auch ohne Schaden für das ursprüngliche Material. Denn auf den Tischen im Lesesaal, wo schon in den letzten Jahren internationale Wissenschaftler, darunter besonders linke Germanisten aus Italien, die Bestände einsahen, rieselten die Papierkrümel nur so aus den Mappen.

Die schiere Menge der Dokumente ist erdrückend. Das materielle Archiv besteht aus 1 145 101 Blatt Papier in 7004 Mappen, die in 1350 Archivkästen auf 450 Regalmetern im erdbeben- und bombensicheren Objektschutz-Magazin der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz untergebracht sind. Die Rohdaten der von der Berliner Firma Mikro-Univers eingescannten Seiten beanspruchten 50 Terrabyte – mehr als zehnmal so viel Speicherplatz, wie die Staatsbibliothek für ihre digitalisierten Sammlungen momentan zur Verfügung hat. Sie mussten schlicht gelöscht werden. Stattdessen lagern auf den Servern nun 500 Gigabyte Nutzdaten in Form von stark komprimierten Bildern – ein Kompromiss, der, da es sich nicht um Gemälde oder mittelalterliche Handschriften handelt, jedoch vertretbar erscheint. Das Verwaltungsarchiv ist leider nicht alles. Es fehlt das aus 100 000 Blatt bestehende, in 700 Aktenordnern untergebrachte Pressearchiv, von dem sich der jetzige Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz dringend wünscht, dass es gleichfalls digitalisiert wird, bevor es am Säurefraß zugrunde geht. Und es fehlen, aus Gründen des Persönlichkeitsrechts, die Kaderakten der Mitarbeiter.

Die Digitalisierung ist dabei nur ein Abfallprodukt der Mikroverfilmung im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Das Programm zum „Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“, wie es die Behörde (www.bbk.bund.de) in einer ihrer Broschüren beschreibt, mit einem Jahresetat von drei Millionen Euro nur ein Aspekt der behördlichen Arbeit, ist damit zum ersten Mal einem Verlagsarchiv zugutegekommen. Nun, spottet Lunkewitz, könne ja auch Ulla Berkéwicz das Suhrkamp-Archiv als Westpendant freigeben.

Die technische Abwicklung des Scannens nahm rund zwei Jahre in Anspruch, wobei die Aufbereitung des Materials drei Viertel des Aufwands ausmachte: Heftklammern entfernen, Klebungen lösen. Eine Mönchsarbeit. Daraus entstanden 362 Rollfilme, die nun im „zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland“, dem Barbarastollen im breisgauischen Oberried lagern: in luftdichten Fässern aus Edelstahl und in enger Nachbarschaft zu Mikrofilmen mit den Bauplänen des Kölner Doms oder Hitlers Gerichtsakten aus den zwanziger Jahren. Sicherungsverwahrung für die Ewigkeit. Sie dauert, so die Haltbarkeitsprognose, immerhin 500 Jahre.

Die Staatsbibliothek ist nicht der erste Ort, an dem man, im Gegensatz zu Literaturwissenschaft und Philosophie, primärliterarische Nachlässe und Archive vermuten würde – auch wenn es mit Gerhart Hauptmann, Heinz Knobloch oder dem Vorlass von Nicolaus Sombart Ausnahmen gibt. Sie lagern gewöhnlich im Marbacher Literaturarchiv oder in der Akademie der Künste. Und bei Verlagsarchiven hat sich die Staatsbibliothek bisher eher Wissenschaftsverlagen wie de Gruyter gewidmet. Der Weg zu Aufbau, sagt Eef Overgaauw, Leiter der Handschriftenabteilung, war deshalb nicht zwingend, durch die Verbundenheit vieler Ostschriftsteller mit der Staatsbibliothek Unter den Linden aber auch nicht willkürlich – und das Projekt des Bonner Bundesamts ein großes Glück. Zugleich wünscht er sich, dass ein solches Glück auch der allmählich zerfallenden Sammlung von Herwarth Waldens expressionistischer Zeitschrift „Der Sturm“ zuteil werde.

Ob durch die Digitalisierung nun ein Ansturm auf das Aufbau-Archiv einsetzt? Andere Bibliotheken haben durch den Medienwechsel schon Wunder erlebt. Der noch stark eingeschränkte, auch bei den urheberrechtsfreien Dokumenten nicht internetöffentliche Zugang, spricht einstweilen dagegen. Die Schätze des Archivs aber rufen geradezu danach. So schrieb im November 1959 der Abteilungsleiter Kultur im ZK der SED einen Brief an Walter Jankas Nachfolger, den „lieben Genossen“ Klaus Gysi. „Durch Gespräche mit westdeutschen Intellektuellen“, teilt er mit, „erhielten wir die Information, dass der polnische revisionistische Literaturkritiker R a n i c k i, jetzt Bürger der Bundesrepublik, noch in einem losen Arbeitsverhältnis zum Aufbau-Verlag stehen soll. Ich bitte Dich um eine Untersuchung dieser Angelegenheit und um Eure Information, welche Verbindungen zum Aufbau-Verlag evtl. zu Ranicki bestehen.“ Auch das mag eine literaturgeschichtliche Fußnote sein – als Fußtritt mag sie bisher nicht einmal Marcel Reich-Ranicki selbst bekannt gewesen sein.

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