Untersuchungsausschuss Staatsoper : Angst essen Säle auf

Auch bei der Anhörung des Architekten HG Merz im Berliner Staatsopern-Untersuchungsausschuss zeigt sich wieder: Ans Publikum wurde zuletzt gedacht.

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Die Akustik wird durch die Nachhallgalerie hoffentlich besser, die Sichtverhältnisse bleiben schlecht.
Die Akustik wird durch die Nachhallgalerie hoffentlich besser, die Sichtverhältnisse bleiben schlecht.Foto: HG Merz Architekten

Hurra! Wenn die Staatsoper am 3.Oktober 2017 wieder ihren Spielbetrieb startet – vier Jahre später als ursprünglich geplant –, dann werden in den Gängen und Fluren die „müden Farben“ verschwunden sein. Die rührten von den minderwertige Materialien her, die man bei der letzten Renovierung des Hauses in den achtziger Jahren verwendet hatte, erklärte der Architekt HG Merz am Freitag bei seiner Vernehmung im Untersuchungsausschuss zur Skandalbaustelle. Beim Neuanstrich der Wände werde er nun wieder „aquarelligere“ Töne wählen, fügte der auf die Ertüchtigung historischer Bauten spezialisierte Baumeister hinzu, der in Berlin bereits das Staatsratsgebäude, die Alte Nationalgalerie und die Staatsbibliothek in Mitte saniert hat.

Die Anzahl der Toiletten steigt, die Sitze im Saal werden von 50 auf 55 Zentimeter verbreitert. Das war es dann aber auch schon fast mit den Veränderungen, die der Zuschauer künftig im Musentempel Unter den Linden wahrnehmen wird. Denn auf Wunsch einer sehr einflussreichen Phalanx aus West- wie Ostberliner Fans „festlicher Opernabende“ musste ja der Plan fallen gelassen werden, in das Traditionshaus einen modernen Saal einzubauen, so wie der Wettbewerbssieger Klaus Roth das vorgeschlagen hatte.

Mit der Folge, dass die Staatsoper für ihre Besucher so unbequem bleibt wie vorher. Ein Viertel der Sitze bietet weiterhin nur eine eingeschränkte Sicht auf die Bühne, weil der Denkmalschutz eine Korrektur der Ränge nicht zugelassen hat. Der Saal behält also seine zutiefst undemokratische Hufeisenform, die das Publikum zur Klassengesellschaft macht, mit jenen, die in der Mitte sitzen dürfen, und jenen, die an den Rand gedrängt sind.

In den Pausen wird man weiterhin im Keller nach Getränken anstehen müssen, nachdem die Idee eines zusätzlichen Dachterrassen-Foyers ebenso dem Rotstift zum Opfer fiel wie die nutzerfreundlichen Untertitel-Bildschirme in den Sitzlehnen nach dem Vorbild der Komischen Oper. Und weil auch im viel zu flach abfallenden Parkett der Neigungswinkel aus Bestandsschutzgründen nicht optimiert werden darf, ist die Sicht selbst von den teuersten Plätzen weiterhin nur dann ungetrübt, wenn man keinen Sitzriesen vor sich hat.

An die Zuschauer, das wurde bei der Anhörung des Architekten im Rahmen der Zeugenbefragungen des Untersuchungsausschusses erneut deutlich, hat der Senat als Letztes gedacht. Und ob es mit der verbesserten Akustik klappt, die HG Merz durch die Anhebung der Decke um vier Meter erreichen will, wird sich erst am Eröffnungsabend erweisen. Akustikberechnungen, so pflegte der große Komponist Pierre Boulez zu sagen, sind so zuverlässig wie der Wetterbericht. Manchmal treffen sie sogar zu.

Der größte Eingriff in den „sozialistischen Rokoko“ (Merz) von Richard Paulicks Nachkriegssaal, die schalldurchlässige Gitterkonstruktion aus Keramik und Glasfaser nämlich, die zwischen drittem Rang und Deckenspiegel eingefügt wird, um das Raumvolumen zu erhöhen, wird die Nachhallzeit selbst im Idealfall nur von derzeit desaströsten 1,1 Sekunden auf zumutbare 1,6 Sekunden verlängern. Das Bayreuther Festspielhaus bietet 1,8 Sekunden, die moderne Oper in Oslo volle zwei Sekunden.

Nur mit rund fünf Millionen Euro schlagen die Kosten für die Akustik-Aufwertung übrigens im Gesamtbudget von 400 Millionen Euro zu Buche. Der Löwenanteil geht für Maßnahmen drauf, die der Besucher gar nicht sieht. Für die Abdichtung des Gebäudesockels gegen das tückische Berliner Grundwasser, für die Verbesserung der Betriebsabläufe hinter der Bühne und – natürlich –, um alle Auflagen des Brandschutzes zu erfüllen.

So manche Anekdote aus dem Baustellenalltag konnte HG Merz den Parlamentariern am Freitag erzählen: Geschichten von diversen Sparrunden, in denen beispielsweise mal 50 000 Euro im Kostenansatz für die Steinplatten der Treppenhäuser abzuknapsen waren – wobei von der Summe nach den umfangreichen Umplanungen, die in der Folge nötig wurden, unterm Strich letztlich doch nur noch 5000 Euro übrig blieben. Dafür werden die Nutzer künftig über billig wirkenden Kunststein nach oben oder unten steigen.

Gerne hätte der ästhetisch denkende Herr Merz auch die vielen Profile an den Wandverkleidungen, die ursprünglich vergoldet waren, mit einem patinierten neuen Belag versehen: „Weil eine nagelneue Vergoldung leicht neureich aussieht.“ Die Senatsbauverwaltung aber sagte Nein, da eine auf alt gemachte Beschichtung der Profile mit dem edlen Material teurer ist als eine glänzende. Die Freunde des „festlichen Opernabends“ werden das begrüßen.

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