Kultur : US-Wahlkrimi: Vor der Wahl

Die Probleme bei der Präsidentschaftswahl im Bundesstaat Florida sind offenbar keine Ausnahme, sondern die Regel. Das hat die "Los Angeles Times" in einer jetzt veröffentlichten Untersuchung herausgefunden. Bei einer Recherche in zwölf über das ganze Land verstreuten Staaten fand das Blatt nach eigenen Worten "ein schwammiges System, dem nur zu trauen ist, wenn das Kandidatenrennen nicht zu knapp ist". "Weil Stimmen gekauft, gestohlen, falsch gezählt, verloren oder weggeschmissen werden können, weiß niemand genau, wie viele Stimmen bei amerikanischen Wahlen nicht gezählt werden", schrieb die Zeitung.

In Alaska waren mehr Menschen in die Wählerlisten eingetragen, als es Bewohner im wahlberechtigten Alter gibt.

In Texas gibt es "Stimmhuren", die Leuten einen Gefallen tun, um deren Briefwahlunterlagen zu bekommen. In einigen Fällen kauften die Stimmensammler Unterlagen oder stahlen sie aus Briefkästen.

In Indiana, wo Wähler sich per e-mail und an der Führerscheinstelle registrieren lassen können, wimmeln die Wählerverzeichnisse von Toten, Schwerverbrechern und mehrfach Registrierten.

In Wisconsin gestanden Studenten dem Blatt, sie hätten ihre Stimme bis zu vier Mal abgegeben.

Risikofaktor Wahlmänner

Unterdessen ist es ungeachtet der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vom Dienstag weiterhin offen, welcher der Kandidaten am Ende ins Weiße Haus einziehen wird. Der Streit um den Ausgang der Wahl hat die Tatsache ins Bewusstsein gerückt, dass der Staats- und Regierungschef der Vereinigten Staaten nicht vom Volk, sondern indirekt über ein Wahlkollegium von 538 Mitgliedern gewählt wird. Diese Wahlmänner und -frauen küren traditionell am Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember (in diesem Jahr der 18. Dezember) den Präsidenten. Das Wahlkollegium wählt getrennt nach Staaten den Präsidenten und den Vizepräsidenten in geheimer Abstimmung. Bis zur Verkündung des Ergebnisses vergehen dann noch einmal rund drei Wochen. Erst Anfang Januar beim Zusammentritt des neuen Kongresses wird das Resultat in einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser bekannt gegeben. Wer die Stimmen von mindestens 270 Wahlmännern auf sich vereint, wird am 20. Januar als 43. Präsident der USA vereidigt.

Das komplizierte Verfahren kann zur Folge haben, dass ein Präsident mit der Mehrheit des Wahlkollegiums gewählt wird, obwohl er bei der direkten Wahl durch die Bürger landesweit weniger Stimmen erhalten hat als sein Gegenkandidat. Dies wäre in diesem Jahr der Fall, wenn das bisherige Ergebnis mit dem Sieg Bushs im entscheidenden Staat Florida offiziell werden sollte. Dann hätte Bush mit 271 Stimmen die Mehrheit der Wahlmänner (Gore 267), aber der Vizepräsident hätte bei der Wahl am 7. November landesweit gesehen mehr Stimmen erhalten als Bush.

Erhält keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen des Wahlkollegiums - etwa bei Gleichstand, oder wenn mehr als zwei Bewerber Wahlmännerstimmen auf sich vereinen können - wählt das Repräsentantenhaus einen der Kandidaten zum Präsidenten, wobei jeder der 50 US-Staaten nur eine Stimme hat. Gewählt ist, wer mindestens 26 Stimmen erhält. Auch Bushs Wahl - sollte er wirklich zum Wahlsieger im entscheidenden Staat Florida erklärt werden - wäre noch nicht sicher. Denn in nicht allen Staaten sind die Wahlmänner daran gebunden, tatsächlich für den Bewerber zu stimmen, für den sie in das Gremium entsandt wurden. Es hat bereits in der Vergangenheit derartige Abweichungen gegeben, was aber wegen klarer Mehrheitsverhältnisse in der Endabrechnung keine Rolle spielte. Schon ein Stimmumschwung von zwei Wahlmännern des Bush-Lagers würde Gore zum Präsidenten machen.

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