Kultur : USA - China: Alles aus Berechnung

Malte Lehming

Auf einem Militärstützpunkt, irgendwo im Norden Pekings, steht einsam und verlassen ein funkelnagelneues Flugzeug. Es ist eine Boeing 767, besonders schick und hochmodern eingerichtet. Gedacht war das Flugzeug für den chinesischen Staats- und Parteichef Jiang Zemin. Es sollte die asiatische Variante der "Air Force One" sein. Dafür hat China vor knapp zwei Jahren 120 Millionen Dollar an die Amerikaner bezahlt.

Doch das Flugzeug hat einen Nachteil: Es ist komplett verwanzt. Selbst im Badezimmer und Kopfkissen des Präsidentenbetts wurden Mini-Abhörsysteme gefunden, insgesamt 27 an der Zahl. Im vergangenen Oktober wurde die Spionage entdeckt. Sie bestätigte einen uralten chinesischen Verdacht. Die USA, befürchten kommunistische Kader, könnten ihre hochtechnologischen Export-Produkte mit geheimen Kodes ausstatten, um ungehindert im Riesenreich herumzuschnüffeln. Das Interessanteste an dieser Spionageaffäre ist, dass keine Seite darüber spricht. Aus dem Skandal wird keiner gemacht. Schon das ist ein Indiz dafür, wie radikal sich das Verhältnis der beiden Länder gewandelt hat. Vergessen sind die Nato-Bomben auf die chinesische Botschaft in Belgrad, der Zusammenprall zwischen einem US-Aufklärungsflugzeug und einem chinesischen Abfangjäger, der Streit um den Raketenabwehrschirm, die amerikanischen Waffenlieferungen an Taiwan. Stattdessen dominiert Herzlichkeit. Sogar ein FBI-Büro darf Washington demnächst in Peking eröffnen.

Beide Staaten brauchen einander. Diese Grundeinsicht beherrscht die Beziehungen seit mindestens 30 Jahren. US-Präsident Richard Nixon war 1972, ebenfalls an einem 21. Februar, zu seinem historischen Besuch im Riesenreich eingetroffen. Er wollte zwei Ziele erreichen: die Sowjetunion unter Druck setzen und den Vietnamkrieg beenden. In beiden Punkten kam ihm Mao Tse Tung entgegen. Auf dem Rückflug sagte Nixon: "In dieser Woche hat sich die Welt geändert."

Für die Amerikaner hat sich die Welt am 11. September geändert. Seitdem rangiert für sie die Terrorbekämpfung an oberster Stelle. In dem Maße, in dem die Chinesen dazu beitragen, wird über andere potenzielle Konfliktfelder großzügig hinweggesehen. Weder Taiwan noch Tibet, weder die politisch Verfolgten noch die religiös Unterdrückten werden heute und morgen von Bush ungebührlich deutlich angesprochen. Im Gegenzug hat Peking zugesagt, sowohl die Pressekonferenz mit Zemin als auch die Rede von Bush an der Qinghua-Universität live und unzensiert zu übertragen.

Alle sechs Vorgänger von Bush, angefangen bei Nixon, haben sehr schnell lernen müssen, wie wichtig China für die amerikanische Wirtschaft und die globale Sicherheit ist. Bill Clinton, der als Präsidentschaftskandidat die Machthaber in Peking noch als "Schlächter" bezeichnet hatte, ging später rasch zu normalen Beziehungen über. Vater Bush reparierte mühsam den Schaden, der nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahre 1989 entstanden war. Ronald Reagan, der als Kandidat versprochen hatte, Taiwan offiziell anzuerkennen, ließ das im Amt tunlichst bleiben. Das Interessengeflecht zwischen Washington und Peking ist seit 30 Jahren immer enger geworden. Die dennoch gelegentlich aufwallenden rhetorischen Eruptionen sind nie so gefährlich, wie sie klingen.

Auch Bush braucht die Chinesen, seit dem 11. September mehr denn je. Zu allen drei Ländern, die der US-Präsident in seiner Rede an die Nation als "Achse des Bösen" bezeichnet hatte - Iran, Irak, Nordkorea -, unterhält Peking intensive diplomatische und militärische Beziehungen. Erst vor drei Wochen war der stellvertretende irakische Ministerpräsident Tarik Aziz zu Besuch. Dennoch wurde Bush von China für seine Rede vergleichsweise milde kritisiert. Ein Grund dafür mag auch das schlechte Gewissen sein. Denn eine wirksame Exportkontrolle für seine Raketentechnologie hat Peking nicht. Bush hat sich vorgenommen, auf eine Verschärfung der Bestimmungen zu drängen.

Aber auch das wird die Visite nicht trüben. Bereits jetzt ist abgemacht, dass der Nachfolger Zemins, Vizepräsident Hu Jintao, noch in diesem Frühjahr seinen Amtskollegen Dick Cheney in Washington besucht. Erwartet wird ebenfalls eine Einladung Zemins auf die Bush-Ranch nach Texas. In den USA sagen manche, das Verhältnis zu Asien sei nach dem 11. September besser als das zu den meisten europäischen Staaten. Es wird schon seinen Grund haben, dass Bush in absehbarer Zeit nicht nach Paris oder Berlin kommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben