USA : Die Zeit der Dummheit ist vorbei

Zäsur und Neubeginn: Wie Amerikas Kulturintelligenz den Präsidentenwechsel wahrnimmt. Von Michael Naumann

Obama
Aufbruch nach Washington -Foto: dpa

Die priesterliche Rolle des Bildhauers, Malers, Regisseurs, Musikers oder Dichters, der den Amerikanern a) die Leviten liest, b) den soziologisch korrekten Spiegel in pädagogischer Absicht vorhält oder c) das unvermeidliche Ende im Stile eines Oswald Spengler prophezeit – diese gleichsam „europäische“ Rolle ist in den Vereinigten Staaten prinzipiell nicht vorgesehen. Und doch hat es dort spätestens seit Ronald Reagans Präsidentschaft einen verbissenen, politisch eingefärbten Kulturkampf gegeben. Das waren die Schlachtlinien: Liberale Großstädter gegen konservative „Landeier“, Kirche gegen Säkularisten, Darwinisten gegen christliche Fundamentalisten, Abtreibungsgegner gegen „Pro Choice“-Befürworter, erzkonservative Radiokommentatoren gegen gemäßigt „linke“ Printjournalisten und „intellectuals“ aller Sorten.

Der letzte Hippie wurde in den USA vor drei Jahrzehnten gesichtet, aber er lebt fort als Symbol unamerikanischer Ungewaschenheit in den vulgär-reaktionären Talkshows eines Rush Limbaughs (bis zu 12 Millionen Zuhörer) – so wie hierzulande die 68er. Nicht der Vietcong hat den Krieg gewonnen, sondern die ungedienten Hippies haben ihn verloren, Rambo sei’s geklagt. Der Auftritt der törichten Kandidatin Sarah Palin hat jenem Kulturkampf schließlich eine kabarettistische Note verliehen, die Comedy-Shows und YouTube hohe Quoten bescherte.

Wenn es einen Kulturkampf-Strategen gegeben hat, dann war es der engste Berater von George W. Bush, Karl Rove. Er hatte die evangelischen Fundamentalisten mobilisiert, die zu Nixons Zeiten als „silent“, unter Reagan als „moral majority“ bekannt wurden. Für die unentschiedenen Wähler im Süden und Mittelwesten entwickelte er ein Weltbild mit Hilfe seiner Verbündeten in den konservativen Medien, in dem die Bösen von den Guten klar getrennt waren: Die Bösen sind die liberalen Wähler an den Küsten, die Schwulen-Ehen gestatten und die Todesstrafe ablehnen, aber auch das sittlich verkommene Hollywood. Die Bösen sind die Gangsta-Rapper und arroganten Intellektuellen an der Harvard-University und anderswo, die das Recht auf Waffenbesitz in Frage stellten. Die Guten sind die durchschnittlichen Amerikaner, die außerhalb der Großstädte wohnen, unbehelligt vom amoralischen Ansturm der Moderne und der Gewerkschaften, geborgen im gottesgläubigen Patriotismus.

Obskure Verlage profitierten von der nationalen Frömmelei mit eschatologischen Pamphleten in Millionenauflage. Amerikas Mittelschicht, deren reales Einkommen in dreißig Jahren nur um 0,7 Prozent gestiegen war, fand Trost in dem frommen Wertekanon und wählte einen Präsidenten, der bei Gelegenheit versicherte, nicht auf seinen Daddy, Ex-Präsident George Bush sen., zu hören, sondern „auf einen höheren Vater“. Und der riet offenbar zum Krieg gegen den Irak.

Die Kulturkritiker der Bush-Regierung waren anfangs belächelte Einzelkämpfer wie der Filmemacher Michael Moore oder später der Regisseur Oliver Stone. Der Comicautor Art Spiegelman hatte bereits kurz nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in seinem bitterbösen Comicstrip für „Die Zeit“ die Bush-Regierung aufs Korn genommen. Erst Jahre später sollte ein New Yorker Verlag den Mut finden, Spiegelmans scharfe Satire als Buch zu veröffentlichen – verkauft wurden Hunderttausende Exemplare. Es hatte sich herumgesprochen, dass Bush der falsche Präsident am falschen Ort zur falschen Zeit war.

Nicht unbedingt wahlentscheidend, wohl aber bemerkenswert waren die Parteinahmen amerikanischer Stars, von den Schauspielern George Clooney über Matt Damon bis zur TV-Diva Oprah Winfrey. Auch ihr ist es zu verdanken, dass viele Afro-Amerikaner ihr Wahlrecht zum ersten Mal wahrnahmen. Die in New York zu Recht hochverehrte Schriftstellerin Deborah Eisenberg und ihr Lebensgefährte, der Dramatiker und Schauspieler Wallace Shawn, zählen wie Toni Morrison ebenso zu den Obama-Wählern wie der Autor Richard Ford oder das Dichter-Ehepaar Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt. Wer während der Bush-Jahre mit ihnen sprach, vermeinte eine fast körperliche Abneigung gegen den Präsidenten zu verspüren, dessen belletristische Vorlieben ein streng gehütetes Staatsgeheimnis geblieben sind. Seine Frau Laura Bush, die bei Gelegenheit einige prominente Dichter ins Weiße Haus einlud, lud jene wieder aus, die, wie sich zu spät herausstellte, ihren Mann öffentlich kritisiert hatten. Für den öffentlichkeitsscheuen Thomas Pynchon wird die Bush-Politik der heimlichen Telefondatensammlungen wie eine Bestätigung seiner Romane gewirkt haben, in denen geheimdienstliche Umtriebe zur leitmotivischen Grundausstattung einer allzu mächtigen Regierung zählen. Für die engagierten Umweltschützer der USA war Bush die leibhaftige Klimakatastrophe.

Über 300 Millionen Amerikaner haben keinen Nationaldichter, noch einen Philosophen, der von sich behaupten könnte, er sei „das Gewissen der Nation“. Selbst der weltberühmte Linguist Noam Chomsky, dessen „linke“ Analysen der US-Wirtschaft immer noch Aufsehen erregen, würde so weit nicht gehen. In jedem Fall dürfte es schwer fallen, einen einzigen Schriftsteller oder Intellektuellen zu finden – gleich welcher politischen Couleur – , der den Abgang des 43. Präsidenten mit Wehmut betrachtet. Selbst William Buckley, Grandseigneur des amerikanischen Neokonservatismus, hat sich kurz vor seinem Tod vom Irak-Krieg distanziert.

Die Invektiven, die George W. Bush in diesen Tagen auf den Seiten der „New York Times“ oder in den ungezählten Blogs der Nation nachgeworfen werden, lassen sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Er war, sollten seine Kritiker recht haben, der Dümmste seit Washingtons Präsidentschaft. Es mag der Gegensatz zwischen Bush und dem Harvard-Absolventen und Rechtsprofessor Barack Obama sein, der den Dichter Philip Roth vermuten lässt, der neue Herr im Weißen Haus sei hingegen „der intelligenteste Präsident seit Thomas Jefferson“. Obamas Biografie „Dreams from My Father“ weist ihn darüber hinaus als hochbegabten Stilisten aus. Seine Wahlkampfrhetorik, die angesichts der Wirtschaftskatastrophe der nüchternen Diktion eines Notarztes gewichen ist, hatte klassisches Format – was in einem Land, dessen Senatoren sich durchaus in der Nachfolge der römischen Antike sehen, außerordentlich geschätzt wurde.

In den Großstädten an den Küsten gab es Obama-Parties bekannter Schriftsteller (zum Beispiel von Michael Chabon und Jonathan Lethem), in denen Geld für seinen Wahlkampf gesammelt wurde. Die finanziell engagierte amerikanische Obama-Gemeinde im Internet zählt angeblich 13 Millionen Sympathisanten; dass sie weiterhin Bettel-Mails aus dem Hauptquartier der Obama-Kampagne erhalten, irritiert und wirft die Frage auf, ob hier eine neue, zweite Öffentlichkeit organisiert werden soll, die dem Kongress politische Konkurrenz machen könnte. Tatsache ist jedenfalls, dass es seit der Erfindung des Internets noch keinem amerikanischen Politiker im gleichen Maße wie Obama gelungen ist, so viele des Lesens und Schreibens mächtige in ähnlicher Geschlossenheit hinter sich zu versammeln. Gewonnen hat er die Wahl auch, weil er die jungen, wahlberechtigten Blogger fast geschlossen auf seine Seite gezogen hat. Anders gesagt: Gewonnen hat auch das Internet. In Washington reden die Kommentatoren schon von einer „Obama-Generation“.

Dass mit der Wahl Obamas eine politisch-kulturelle Zäsur verbunden ist, wird noch zahlreiche Doktorarbeiten nach sich ziehen. Millionen Amerikaner, die passiv und aktiv über ein einziges Medium in politischer Absicht kommunizieren, repräsentieren einen kulturellen Machtfaktor, der alle anderen Medien des Landes, auch des Fernsehens, übertrifft. Die „New York Times“ hat eine Auflage von höchstens 1,5 Millionen.

Wenn der politische Diskurs dieser Zeitung dennoch repräsentativ für das halbe Land ist (was die Redakteure auch glauben), dann sind die Leitartikel des ehemaligen Theaterkritikers Frank Rich über George W. Bush ein geradezu furchterregendes Abschlusszeugnis: „Unsere gescheiterten Präsidenten möchten wir gerne an Shakespeares Tragödien messen ... doch dieser Präsident ist ein wahrer Zwerg ... schon ist er vergessen, obwohl er noch da ist ... der Größenunterschied zwischen dem Ausmaß seines Versagens und der Statur dieses Mannes ist geradezu rätselhaft.“ Das ökonomische Ausmaß des republikanischen Mismanagements der Nation wurde den Lesern der „New York Times“ jahrelang einmal wöchentlich von Paul Krugman vorgeführt; dass der professorale Kolumnist den Wirtschaftsnobelpreis im vorigen Jahr erhielt, dürfte zu einem nicht geringen Ausmaß den politischen Vorlieben der schwedischen Jury zuzuschreiben sein. Seine vorzeitigen Analysen der Finanzkrise freilich waren prophetisch.

Das Zentralorgan der liberalen Kultur-Intelligenzija Amerikas, die „New York Review of Books“, zweifellos das anspruchsvollste literaturkritische Magazin Amerikas, hatte aus seiner Ablehnung der Bush-Regierung niemals einen Hehl gemacht, und auch nicht aus der Hoffnung auf einen neuen Geist in Washington in der Obama-Ära der nächsten vier, wenn nicht acht Jahre.

„Barack Obama plant langfristig“, schreibt die Autorin Elizabeth Drew in dem Blatt, „und darum ist der neue Präsident besser auf sein Amt vorbereitet als irgendein anderer neu gewählter Oberkommandierender in der Geschichte der modernen Präsidentschaft.“ Mag sein, dass derlei Vorschusslorbeeren dem frisch Gekürten eines Tages wie Blei an den Füßen hängen werden. Vorerst aber wird Obama mit Freudengesängen begrüßt. Elizabeth Drew: „Das amerikanische Volk hatte mit überwältigender Mehrheit die Dummheit des Bush-Regimes zurückgewiesen, seine Kriege, Lügen, seine Foltereien, seine Geheimniskrämerei, seine Unfähigkeit und seinen Machthunger, der unsere Verfassung gefährdete ... die Leute hatten nach der Wahl das Gefühl, als seien sie endlich wieder sauber gewaschen.“

In der jüngsten Ausgabe der „New York Review“ wird die Frage diskutiert, ob es nicht zu Prozessen gegen jene Politiker und Spitzenbeamte kommen sollte, die für die Folterpraxis der CIA und der Armee verantwortlich waren und sind. Zur Enttäuschung vieler „links“ einzuordnenden Obama-Wähler hat der neue Präsident schon abgewunken. Das Land hat andere Probleme, heißt es. Auch wenn es nicht zu derlei Verfahren kommen sollte, so wird doch das amerikanische Buchgeschäft in diesem Jahr dominiert sein von investigativen Rechercheergebnissen, in denen die politischen Umtriebe, die Geschäftemachereien und törichten Entscheidungen der Bush-Cheney-Mannschaft im Mittelpunkt stehen. Eine Autobiografie von George W. Bush scheint nicht zur Debatte zu stehen; stattdessen kündigt seine Frau Laura ihre Memoiren an. Erste Gespräche der Autorin mit New Yorker Verlegern ließen einige von ihnen ratlos zurück. „Sie ist“, sagte einer von ihnen dem Magazin „New Yorker“, „genau wie ihr Mann.“ Was hatte er erwartet? Hillary Clinton?

Amerikas Kulturkampf ist noch längst nicht abgeschlossen; aber eine konservative Konstante in dieser Debatte, nämlich die ideologisch codierten Restbestände des Rassismus, hat mit der Wahl Obamas ihr Gewicht verloren. Die Mehrheit Amerikas hat sich entschieden – auf die „moral majority“ ist die „American majority“ gefolgt, und das ist eine wesentlich größere Zäsur in der Geschichte der USA als der Sieg einer Partei über die andere.

Der Autor ist Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. 

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