Kultur : Variationen in Weiß

CLAUS KÄPPLINGER

Urban soll es sein.Kaum ein Bauprojekt mag sich heute nicht zu diesem Anspruch bekennen.Stadt, jene Mischung unterschiedlichster Nutzungen, Dichten und Sinnesreize, entsteht dennoch nur selten.

Was als neuer Kiez auf der grünen Wiese oder als neues Stadtquartier in Mitte angepriesen wird, erschöpft sich oftmals in der Herstellung gleichförmiger Kulissen.Architektonische Zitate alter Stadtkultur, Arkaden oder stehende, sogenannte französische Fenster gehören heute zum Standardrepertoire einer Neu-Berliner Camouflage, die der uniformen Meterware mit Natur- oder Backstein zumindest etwas Würde zu verleihen sucht.Doch jenseits einer mehr oder minder gelungenen Verpackung bietet das Neue selten Bemerkenswertes, kaum besonders gelungene Wohnungen, kaum nennenswert urbane Räume.

Denn nicht der Inhalt, sondern die Form soll wiederkehrend Urbanität stiften.Die Folgen: Sinnentleerte Straßen und Piazzen, die oft nicht mehr als unbebaut gebliebene Restflächen sind, die der Müllentsorgung und dem Brandschutz mehr Bedeutung zuweisen als der Herstellung von Öffentlichkeit.Oder Wohnungen, die auf Ort und Himmelsrichtung wenig Rücksicht nehmen, die sich zum ruhigen Wohnhof oder der attraktiven Wasserlage genauso verschlossen wie zur Straße hin zeigen und deren Raumzuschnitte nicht nur überaus konventionell, sondern oft noch fahrlässig unbedacht erscheinen.

Keine Stadt, aber zumindest ein unverwechselbarer Ort indessen ist am Spandauer Aalemannkanal entstanden.Eine kleine Siedlung mit 26 Häusern, die an der Peripherie der Stadt darauf verzichtete eine Urbanität vorzugaukeln, die weder dem Ort, noch den Bedürfnissen der Wohninteressenten entsprochen hätte.Denn wer mag fern der Innenstadt in verdichteten Quartiersblöcken wohnen, wo die Qualität des Ortes gerade in der Nähe zum freien Landschaftsraum, zu den Wasserläufen und Wäldern Spandaus liegt.Eine Einsicht, der sich das nahe, nur wenig südlich befindliche Projekt Wasserstadt Oberhavel verschloß, das nun an seiner viel zu starken Dichte krankt.

Am Aalemannkanal entschied sich ein privater Bauherr, die Müchner Bauwert AG, zu einer anderen Architektur und zu einem anderen Städtebau.Mit luftigen weißen Kuben in weitem Grün wurde die sonst in Berlin geschmähte weiße Moderne zum Vorbild genommen.Drei mal zwei Architekten aus Berlin, Westdeutschland und Europa, die sich dem Erbe der klassischen Moderne verpflichtet fühlten, gelang in einem diskursiven Workshop-Verfahren, was andere Stadterweiterungen verfehlten, nämlich Einheit mit Vielfalt zu verbinden und sich dabei auch der Eigenart des Ortes anzunehmen.

Martin + Pächter, Feige und Partner, Kramm & Strigl, ASP, Gregotti Associati sowie David Chipperfield sind die sechs beteiligten Architekturbüros, die mit wechselnden Nachbarschaften und Hauskörpern ein vielgestaltiges, unverwechselbares Ensemble schufen, eine moderne Siedlung für 536 Wohnungen.Ein fast simpel erscheinendes orthogonales Straßenraster in Nord-Süd-Ausrichtung wurde mit Hauszeilen und Kuben wechselnder Länge und Höhen eingerahmt, hinter denen sich weite, begrünte Wohnhöfe erstrecken.Zum Wasser hin ausgerichtet, laden diese Freiräume zur aktiven Aneignung ein.

Laubengänge, Balkone, Loggien, Wintergärten oder Terrassen öffnen die Häuser großzügig wie ebenso vielfältig zum Außenraum, so daß der fast abgegriffen wirkenden Formel von "Licht, Luft und Sonne" erneute Attraktivität abgewonnen wurde.Nahezu jedes Haus entwickelt eine unverkennbare Individualität, die nicht an der Fassade endet, sondern sich auch im Innern mit recht unterschiedlichen Wohnungsangeboten fortsetzt.

So erstrecken sich hinter den etwas ruppigen Balkongerüsten der Darmstädter Kramm und Strigl einnehmend komprimierte Wohnungen.Zum Teil über zwei Geschosse reichend, bieten sie viel sonnigen Wohnraum zum ruhigen Wohnhof hin.Dabei gewähren die großen, verschiebbaren Metallpaneelen ihrer Balkone sowohl Intimität als auch Schutz vor einer allzu intensiven Sommersonne.Anders die Berliner Martin + Pächter, die abgestaffelte Hauskuben entwarfen.Ihre markanten, betont horizontal gestalteten Terrassenhäuser, die sich wohl am direktesten auf die klassischen Moderne beziehen, zeichnen sich durch vielfältige Beziehungen zum Außenraum aus.Fensterbänder und Dachterrassen ermöglichten fließende Übergänge nach Außen, denen leider die verwinkelten Grundrisse nicht ganz so souverän folgen.

Allein der große Star der internationalen Architektenszene der neunziger Jahre, der Brite David Chipperfield, enttäuscht.Der Architekt des Wiederaufbnaus des Neuen Museums auf der Spreeinsel wagte erstmals einen Mietwohnungsbau und scheiterte an dessen geringen Raumgrößen und ökonomischen Vorgaben.Viel zu viel Raum verschenkte er für die Treppengalerien seiner Maisonettewohnungen, ohne auch nur annährend jenen Reichtum an überraschenden Raumverbindungen zu erreichen, für die er beispielsweise bei seinen Privathäusern gerühmt wird.Hermetisch verschlossen ist das Äußere seiner Gebäude, deren rauher Minimalismus sich nicht entfalten konnte, da es der Bauausführung an der erforderliche Präzision mangelte.

So sind es sind nicht unbedingt Meisterwerke der Architektur, denen das Aalemannufer seine Attraktivität verdankt.Es ist vielmehr ihre Einheit in der Vielfalt und ihre überzeugende Freiraumorientierung, die einem peripheren Standort eine unverwechselbare Qualität abgewannen.

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