Varieté-Theater : Drahtseilakte

Der "Wintergarten" steckt in einer schweren Krise: Wie viel Zukunft hat das traditionsreiche Varieté-Theater noch?

G,a Bartels
Wintergarten
Balancekünstlerin in der Show "Hotel California". -Foto: Wintergarten

Da freuen sich die Spanier. Und auch die Russen am Tisch dahinter juchzen freudig auf. Auf der Bühne blitzt gerade ein nackter Po hervor, obwohl sich das Ensemble redlich bemüht, den Badehandtuchtanz zum Werbehit „Like Ice in the Sunshine“ jugendfrei zu gestalten. Der Hintern gehört einem Clown mit ZZ-Top-Bart, der wie ein grenzdebiler Altkiffer durch das kalifornische Bühnenbild im „Wintergarten“-Varieté streunt, um sich später in einen fulminanten Fahrradartisten zu verwandeln.

„Ich mag Typen“, sagt Regisseur Markus Pabst, der die neue Sommershow „Hotel California“ inszeniert hat. Persönlichkeiten, echte Menschen mit staunenswerten Fähigkeiten sind die Zukunft des Varietés, meint Pabst. Und nicht der ökonomisch sehr erfolgreiche weil austauschbare Artist als maskiertes Fabelwesen, wie ihn Zirkusshows im Angebot haben.

Pabst inszeniert weltweite Showerfolge wie die Ceasar Twins oder La Clique, hat jahrelang im „Chamäleon“ in den Hackeschen Höfen Regie geführt und arbeitet jetzt erstmals im Wintergarten. Er glaubt unverdrossen an die „schöne, direkte Form“ Varieté und verbreitet genauso wie Frank Reinhardt, der Geschäftsführers des seit Juni vorläufig insolventen Hauses in der Potsdamer Straße, nichts als Zuversicht. Noch im Juli wird das Gutachten über die Sanierungschancen des 1992 von André Heller, Bernhard Paul und Peter Schwenkow gegründeten Wintergartens erwartet.

Ein Freitagabend im Varieté. Ein Reisebus speit Amüsierwillige um die Fünfzig aus, im golden funkelnden Foyer knipst ein Fotograf die eintrudelnden Gäste. Drinnen leuchten weiß gedeckte Tische, darüber glänzt der imitierte Sternenhimmel. Ausgebucht sind die momentan 430 Plätze nicht, aber ganz ordentlich belegt. Von Leuten zwischen 16 und 60, die Mehrheit von auswärts. Warum der Wintergarten gerade jetzt Insolvenz angemeldet hat, wo man 2007 nach harten Einsparungen erstmals seit Jahren wieder schwarze Zahlen schrieb? Ein paar Erklärungen lauten: Durch Sommerwetter, Fußball-EM und den Flop mit der vorherigen Show „Dekolleté“ ist die Publikumsauslastung auf unter 50 Prozent gesackt. Und nach dem letztjährigen Besitzerwechsel des Hauses von der Deutschen Entertainment AG zu Frank Reinhardt und seinem damaligen Geschäftspartner Georg Strecker, fehlte die finanzielle Rückendeckung durch einen Konzern.

Sixties, West-Coast-Feeling, Superhits und drei Jungs, die zwischen knackige kalifornische Körper geraten – mit diesem Anmutung und dieser Story kann eigentlich jeder was anfangen. Und so soll es nach dem Willen von Reinhardt und Pabst auch sein, die beide für frischen Winds im angestaubten Genre eintreten. „Ich wollte etwas Lebendiges machen, das knallt und Tempo hat“, sagt Pabst. So wie die Berliner Breakdance-Truppe in der Show. Mit deren Geschmeidigkeit kann der ruppige Musikkonservenmix allerdings nicht mithalten. Die Spanier und Russen klatschen trotzdem willig mit.

Gesellschafter Georg Strecker, der seinen Geschäftsführerposten niederlegte, nachdem man sich im Haus nicht über Sanierungs- und Programmkonzepte einigen konnte, ist zwar ebenfalls davon überzeugt, dass Varieté zeitgemäßer werden und ein neues Publikum erobern muss. Aber eine eher musicaleske Show wie „Dekolleté“ sei für das alte Publikum dann offenbar doch zu radikal gewesen. So ein Imagewechsel brauche Geduld.

Die hat sein alter Partner Frank Reinhardt nur begrenzt. Er träumt von einem Publikum mit einem Durchschnittsalter ab 30 Jahren. Shows wie „Hotel California“, die Varieté-Klassiker wie Jonglage oder Handstandakrobatik poppig verpacken, sollen es anlocken. „Inzwischen kann man ja jedem 50-jährigen Breakdance zeigen.“ Die seien heutzutage aufgeschlossen. Dass da was dran ist, lässt sich abends im Chamäleon in Mitte beobachten. Das zweitbekannteste Berliner Varieté hat sich vor ein paar Jahren nach einer Insolvenz neu erfunden und feiert damit nun Erfolge bei Teens und Großeltern. Die aktuelle Produktion „MyLife“ ist eine coole Tanz- und Akrobatik-Show, die die Mittelbühne, junge Artisten und loungige Musik in intimer Clubatmosphäre verbindet.

Und dahin will der Wintergarten auch? Nein, sagt Frank Reinhardt, der habe seinen eigenen Stil. Er könne sich auch jederzeit wieder eine elegante Swingshow mit Live-Orchester vorstellen. Auf die Abwechslung, die Programmdramaturgie der drei Shows pro Jahr käme es an. Und Markus Pabst ergänzt eifrig, der Wintergarten habe für ihn weder etwas mit dem Chamäleon noch mit dem Friedrichstadtpalast zu tun. „In Berlin ist für alle drei Platz. Und nur weil sie alle da sind, kommen so viel Gäste.“ So viel demonstrative Harmonie war nie in der Varieté-Szene. Sogar die Regel, dass ein Künstler, der im Chamäleon auftritt, zwei Jahre nicht im Wintergarten spielen darf, ist hinfällig geworden. Shootingstar Eike von Stuckenbrok wechselte von „MyLife“ direkt ans Bungee-Seil in „Hotel California“.

Zur finalen Hippie-Hymne „Let the Sunshine in“ schunkeln Spanier, Russen und Berliner im Wintergarten einträchtig mit – und zwei Einsichten machen sich breit. Die, dass es verdammt schade wäre, wenn eine 1888 in der Friedrichstraße begonnene Amüsiergeschichte endet. Und die, dass Berlin Gästen aus aller Welt originelleres Entertainment bieten sollte als die überall gleichen Wanderzirkusse und Musicals. „Wir müssen wir sein!“, sagt Markus Pabst und betont, wie einzigartig die Berliner Szene sei. Das ist die Chance eines sich ständig erneuernden Varietés.

„Hotel California“ läuft bis 4. Oktober, Mi-Sa 20, So 18 Uhr. Die Herbstshow „Orientalis“ hat am 9. Oktober Premiere

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