Kultur : Vater, Mutter, Kind

Steffen Richter

unternimmt einen Familienausflug Familie? Ein schwieriges Thema. Dem einen ist sie emotionales Hinterland, dem anderen eine Art Zwangsgemeinschaft. Nur eines konnte man bislang nie: sie gänzlich abschaffen. Nicht mal im größten antiautoritären Überschwang. Und da es um Herkunft und Zugehörigkeit, um Abgrenzung und Ich-Suche geht, gehören Familien zu den beliebtesten Schauplätzen für Romane.

Man denke an die „Buddenbrooks“. Oder an Amerikaner wie Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides. Ein Hauch von 19. Jahrhundert weht einem aus diesen Epen entgegen. Ähnlich ist es in Richard Powers ´ „Klang der Zeit“ (S. Fischer). Da treffen der aus Deutschland emigrierte Physiker David Strom und die schwarze Sängerin Delia Daley in Manhattan aufeinander. Musik schweißt zusammen, was sie ihre „kleine Nation“ nennen. Joey, das mittlere der drei Kinder, ist nicht nur ein guter Pianist, sondern auch ein begabter Erzähler. Wer am 10.6. um 20 Uhr ins LCB kommt, kann Powers (in englischer Sprache!) aus seinem 760-Seiten-Monumentalwerk lesen hören.

Familie, das hieß üblicherweise auch Zwist zwischen den Generationen. Den gibt es immer noch. Nur ist das traditionelle Mutter-Vater-Kind-Ensemble inzwischen aus der Mode gekommen. Patchwork-Familien sind keine nur deutsche Realität. In Südeuropa ersetzt der Familienverband oft noch den nordeuropäischen Sozialstaat mit seinen Versorgungsaufgaben. Das LCB lotet am 11.6. die Grauzonen aus und verbindet beide Pole mutig: mit der Portugiesin Lídia Jorge und der Isländerin Steinunn Sigurdardóttir (20 Uhr). Jorge hat wunderbare Romane über die sich modernisierende portugiesische Gesellschaft geschrieben, in der vor gar nicht langer Zeit noch herkömmliche Ehrbegriffe galten. Wo eine schwangere Frau geheiratet werden musste. Egal, ob der Bräutigam tatsächlich Vater des Kindes ist oder nur für seinen flüchtigen Bruder einspringt – wie in „Die Decke des Soldaten“ (Suhrkamp). Sigurdardóttir dagegen führt in „Herzort“ (Ammann) eine allein erziehende Mutter vor, die ihre drogenabhängige Tochter gemeinsam mit einer Freundin aus Reykjavík aufs Land verschaffen will.

Nicht weniger unkonventionell sieht Hasan Kazans familiäre Konstellation aus: Während sein Vater in einem Kreuzberger Reisebüro den treuen Marxisten gibt, sperrt sich seine Mutter in Istanbul gegen das Anschmiegen an westliche Sitten. Dennoch geht der 19-Jährige in „Selam Berlin“ (Diogenes) just am Tag des Mauerfalls in die deutsche Hauptstadt. Wie er sich durchs Wendechaos schlägt, erzählt seine Autorin Yadé Kara am 14.6. um 20.15 Uhr in Lehmanns Fachbuchhandlung (Hardenbergstr.5). Zumindest eines ist klar: Beiden Eltern kann man es nie recht machen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben