Kultur : Veränderungen durch die jungen Generation?

Wenn man es mit den Biennalen vorher vergleicht, hat sicher eine Veränderung stattgefunden: allein dadurch, daß das Arsenal, der ehemalige Marinehafen, hinzugekommen ist. Darin bestand eigentlich Szeemanns Hauptarbeit, dieses wunderbare Gelände freizubekommen für die Kunst. Was sagt diese Ausstellung über den Stand der jungen Kunst? Es wird zum Beispiel im Rahmenprogramm der "Aperto" nicht wie früher nur junge Kunst gezeigt, man sieht nun auch Arbeiten älterer Künstler wie Louise Bourgeois, die immer wieder überrascht. Man sollte nicht immer soviel von Jugendkultur reden. Es ist doch gerade der Charme der Biennale, daß sie leicht angestaubt und antiquiert ist. Und Grenzüberschreitungen hatte es auch früher gegeben: als Nam June Paik im deutschen Pavillon ausstellte. Jetzt ist es der italienische Pavillon, der sich für Künstler verschiedener Länder geöffnet hat. In Ihrem Buch "Basisarbeit" schreiben Sie: "Akademien sollten wie Supermärkte funktionieren." Wird nach Ihrem Weggang von der Münchner Kunstakademie aus dem Supermarkt wieder ein Tante-Emma-Laden? Ich hoffe nicht. So schnell kann man die Regale nicht leerräumen. Die Arbeit als Rektor war mir sehr wichtig, ich habe sie gerne gemacht. Aber Ewigkeitswerte gibt es nicht einmal mehr in der Kirche. Vier Jahre reichen für den Job. Jetzt müssen andere ran. Worin besteht für Sie der Reiz, als Künstler in einem Verwaltungsamt wie dem eines Akademiedirektors zu experimentieren? Man sollte als Künstler gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Ich habe viel durch die Gesellschaft erhalten und möchte etwas weitergeben. Für eine begrenzte Zeit sah ich hier diese Möglichkeit. Haben Sie nicht zu früh aufgehört? Basisarbeit heißt, die Akademie als ein komplexes Arbeitsgebiet zu begreifen und umzugestalten. Das war nicht ganz leicht, weil wir in einer Demokratie leben. Während der letzen Jahre hat sich Ihre Idee von der Skulptur verfeinert. Jede Ihrer Arbeiten reflektiert neben dem besonderen Kontext des Ortes ein Thema der Zeitgeschichte. Natürlich verändern sich die Arbeiten. Es geht mir nicht darum, einen bestimmten Stil zu reproduzieren. Egal, ob es eine Ausstellung, ein Text, Buch, Bühnenbild oder Film ist, ich arbeite immer gern aus der Zeit heraus. Bei einer Skulptur im Freien wie jetzt für das Berliner Haus am Waldsee kommt der Ort - nicht nur als Anregung - hinzu. Dieses fast kulissenhafte Ambiente dort aus Villa, Park, Bänken und See wollte ich durch die Plazierung betonen. Mal abgesehen davon, daß der Titel "Turbokapitalismus" eine zeitnahe Formulierung der Machtfrage sein könnte, setzt er einen zusätzlichen Akzent in diesem Bild der Idylle. Ist der Skulpturbegriff heute überhaupt noch haltbar, nachdem alle formalen Erneuerungen scheinbar erschöpft sind und es offenbar nur noch auf geschickte Re-Kombinationen des Bestehenden ankommt? Ich kann mir nicht vorstellen, etwas im Raum abzustellen und eine nette Ausstellung zu machen. Mir geht es darum, den Raum benutz- und erfahrbar zu machen, ihm ein vollkommen anderes Bild zu geben. So gesehen, hat sich in meiner Arbeitsweise seit der Skulptur "13. 4. 81" auf dem Kurfürstendamm nicht viel geändert. Der Ausstellungsraum, die soziale Situation vor Ort läßt Ihr Werk zur Wirklichkeitscollage werden: zum "Living Context". Ich will keine abgestandenen Sachen machen und ein bißchen Spaß haben. Und es macht mir keinen Spaß, nur etwas kaputtzuhauen. Das ist das Klischee vom intellektuellen Hooligan, das man mir mal angehängt hat. Skulpturen müssen rundum erlaufen werden, und dadurch ergibt sich - räumlich gesehen - auch das Collagierende. Wie stehen Sie zur Projektkunst der neunziger Jahre, die im sozialen Bereich operiert, konkrete Ziele verfolgt und dabei weitgehend auf ästhetische Mittel verzichtet? Ich bin kein Nachhilfelehrer, ich bin nicht die Heilsarmee oder die Sozialhilfe, obwohl ich als Rektor der Akademie zeitweise dieses Gefühl hatte. Das ist Schnee von vorgestern. Die Radikalität der Arbeiten ist wichtig. Man kann die Situationen, die man vor Augen hat, nur für einen Augenblick anhalten. Zwangsläufig entwickeln sich die Arbeiten der Zeit entsprechend, die in einem Bild kurz festgehalten wurde. Kann Wirklichkeit durch Kunst überhaupt gesteigert werden? Es geht nicht um Steigerung. Kunst macht sensibel für die Wirklichkeit. Das kann man im Atelier allein nicht leisten. Man muß rausgehen, unterwegs sein und mit Leuten eine Struktur entwickeln. Keiner kann mehr alleine beurteilen, in welcher verzerrten Form die Wirklichkeit uns dargeboten wird. Wer kann noch Fakes von Fakten unterscheiden? Ich habe seit Wochen keine Zeitung mehr gelesen, und mir fehlt nichts. Künstlerische Praxis als Widerstand gegen den Turbokapitalismus? Sie meinen, keine Kreditkarte, keine Schecks, kein Handy? Als Künstler hatten wir nie eine Chance. Die Kunst der neunziger Jahre war mir zu kopflastig. Mir ist eine gewisse Form von Amusement und Humor wichtig. Die "soziale Frage" taucht zunehmend wieder auf: Risse im sozialen Netz, Krise des Urbanen, Arbeitslosigkeit, Armut, Rassismus, Gewalt - eigentlich ideale Bedingungen für eine kritische Kunst. Dennoch dominiert derzeit eine Club-Kunst, die einen übersteigerten Individualismus mit politischer Ornamentik verbindet. Was ist schiefgelaufen in der jungen Generation? Da ist überhaupt nichts schiefgelaufen. Jetzt kommt eine neue Generation mit einer ganz anderen Sinnlichkeit. Die letzten Jahre waren überhaupt nicht sexy, alles überflüssige Flop-Kisten, nicht gelebtes Leben und die Abwesenheit von Humor, allenfalls nützlich, um sich davon abzusetzen. Ist es nicht Stagnation, wenn jetzt verstärkt wieder Zeichnungen, Objekte und Tafelbilder produziert werden? Jetzt wieder auf das klassische Bild an der Wand zu gehen, ist hilflos. Die Malerei ist ein abgelegtes Medium. Die Marktstrategien sind dabei auf einige wenige Stars ausgerichtet. Es gibt ein paar deutsche Großmäuler, pardon Großmaler, aber ich war enttäuscht von den letzten Elaboraten dieser Künstler. "Crossover" ist zum Stilbegriff der Endneunziger geworden. Dahinter verbirgt sich jedoch mehr ein Lebensstil denn ein Kunstbegriff. Können Sie dem Crossover zwischen Kunst, Mode, Wissenschaft und Sport etwas abgewinnen? Ich habe von Anfang an so etwas wie "Crossover" praktiziert. Mir ging es immer um den Zusammenhang. Das kann auch eine Party mit 50 Leuten in einer Vorstadt-Kneipe sein. Nach der Dienstleistungideologie Mitte der neunziger Jahre, als Künstler Services anboten, dominiert jetzt die Kreativitätsideologie. "Seid Subjekte", lautet der Ordnungsruf der Gesellschaft. Ist der Künstler der Vorbote eines neuen Partikularismus, eines sozialen Egoismus? Jetzt sind wir schon wieder bei der Heilsarmee. Künstler waren immer egoistisch! Sollen nicht gerade die Künstler für diese Entwicklungen die passenden Bilder und Begriffe liefern? "Sollen" schon mal gar nicht. "Können" - weiß ich nicht. Der Themenpark ist entscheidend, egal ob in einer Hafenstadt am Mittelmeer oder einer Stadt im Osten. Du kannst in einen Müllkübel greifen und hast überall die gleichen Themen. Der Begriff der "immateriellen Arbeit" gewinnt zunehmend an Bedeutung. Einige Theoretiker glauben, daß die klassische Lohnarbeit längst von einer Ökonomie der Information ersetzt wurde und gehen von einem neuen Lumpenproletariat aus, nämlich den Intellektuellen und Künstlern. Fühlen Sie sich dieser neuen sozialen Klasse zugehörig? Irgendwann, wenn man Pech hat, landet man immer unter den Brücken. Raymond Hains erzählte mir, daß er als Penner in Marseille vor einer Galerie stand, in der seine Bilder ausgestellt waren. Man hat ihn nicht reingelassen. Handarbeit und Fließbandproduktion werden ersetzt durch Fertigkeiten im Umgang mit Information und Kultur. Wird die Kunst nicht zerrieben, weil sie hier Ersatz leisten muß? Die Kunst hat die Möglichkeit, mittels einer gewissen Aura die Dinge zu heben. Darauf basiert die Ware Kunst. Die meisten Leute, das wissen wir doch, gucken mit den Ohren und malen mit dem Mund. Mit dem Trugbild, daß der Künstler die Gesellschaft verändern kann, wird das kaschiert.

OLAF METZEL (46) wurde 1987 auf einen Schlag berühmt. Seine aus aufgetürmten Absperrgittern bestehende Skulptur im öffentlichen Raum "13. 4. 81", auf Berlins Flaniermeile Kurfürstendamm aufgestellt, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die formal an Mondrians "New York Boogie Woogie" ausgerichtete Arbeit bezog sich auf Polizeiabsperrgitter, die nach einer gewalttätigen Demonstration an jenem 13. 4. 1981 zurückgeblieben waren. Metzel, von der Presse gejagt und von anonymen Anrufern massiv bedroht, verließ entnervt Berlin Richtung München und galt fortan als "Skandalkünstler". Seinem Thema, der Darstellung gesellschaftlicher Gewalt und politischer Auseinandersetzungen, sollte er treu bleiben: 1990 schuf er die Arbeit "Wurfeisen und Zwille (Entwurf Hafenstraße)" bezugnehmend auf die gebastelten Geschosse "autonomer" Hausbesetzer der Hamburger Hafenstraße. Für die Berliner Ausstellung "Metropolis" entstand 1991 die Arbeit "112:104", für die er die Überreste ein zertrümmertes Basketballfeld aufeinanderhäufte. Von 1995 bis 1999 leitete Metzel als Rektor die Münchner Akademie der Bildenden Künste, wo er weiterhin lehrt. In Berlin ist von ihm zur Zeit im Haus am Waldsee die Arbeit "Turbokapitalismus" zu sehen; im Rahmen der Ausstellung "Die Kunst des XX. Jahrhunderts" (ab 4. September) wird er mit "112:104" im Hamburger Bahnhof vertreten sein.

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